Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Rückblick: Filmvorführung „Jahrhundertwende“ (Moritz Liewerscheidt) (04.12.2019, Aachen)

 

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft. Rassismus, Rechtspopulismus und Extreme Rechte zum Thema machen“ wurde am 27.11.2019 der Essayfilm „Jahrhundertwende“ (2012, Kamera, Montage, Konzept, Regie, Produktion: Moritz Liewerscheidt) im Rhizom 115, Friedrichstraße 115, 52070 Aachen gezeigt.

 

Moritz Liewerscheidt ist freier Künstler und Filmemacher. Sein besonderes Interesse gilt der Ideen- und Mentalitätsgeschichte. Seine filmischen Arbeiten, die sich formal zwischen der Tradition des Experimental-, Essay- und dem sinfonischen Film bewegen, beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Bild, Prosa und Poesie. Die Arbeiten verfolgen Formen intensiver Komprimierung von Zusammenhängen in wenigen, statischen Bildern. Derart soll die Entfaltung eigener/eigenständiger Assoziationen ermöglicht werden.
Seine Bilder sind geprägt von einem präzisen Blick und von einer Faszination für das Zufällige und Absurde des urbanen Raums und seiner architektonischen Schichtungen.

Er hält Vorträge und zeigt seine Arbeiten in künstlerischen und akademischen Kontexten. Er studierte von 2002 bis 2005 Philosophie und Geschichte in Düsseldorf, anschließend von 2005 bis 2012 Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Seit 2012 arbeitet er als freier Künstler, Filmemacher und Illustrator. 2019 gründete er die Silberstein Produktion für Experimental- und Animationsfilm (Berlin). Momentan lebt er in Berlin.

 

Der gezeigte Essayfilm „Jahrhundertwende" ist eine Reflexion zur Dialektik von Aufklärung und Romantik, Spätkapitalismus und (Neo-)Nazismus. Zugleich möchte der experimentelle Film das vom TV-Dokumentarfilm gewohnte Verhältnis eines für unmündig gehaltenen Publikums und seines autoritären Vormundes – des gesprochenen Kommentars – auf die Probe stellen. Gegenwartsbilder und Zitate historischer Texte kommentieren sich in Liewerscheidts Montage wechselseitig und lassen Raum, selbst zu denken.

 

In dem kleinen selbstverwaltenden Veranstaltungsraum Rhizom kam eine ausgesprochen diskussionsfreudige Gruppe zusammen. Gemeinsam erörterte man die sorgfältig kadrierten Stadtaufnahmen und assoziativen Montage des Films. Verschiedene Bedeutungsschichten des Films konnten so freigelegt werden. Ein Hauptaugenmerk der Diskussion lag auf den Spannungen und Bedeutungsverschiebungen, die sich aus der filmischen Zusammenstellung verschiedener Zitate aus eher linken sowie rechten Texten zur Industrialisierung ergeben. Gerade die Eigentümlichkeit, dass sich regressive Krisendiagnosen sowie emanzipative hoffnungsvolle Analysen sprachlich oftmals gleichen, kam so zu Bewusstsein. Auch ohne  ausreichendes, eigenes kulturelles Kapital, um alle Bezüge direkt zu verstehen, konnte der Film darauf Aufmerksam machen, wie ähnlich die Erfahrungsgehalte im Kontinuum der politischen Landschaft sind – und wie vorsichtig es zu sein gilt, auf geteilte Problemlagen nicht dieselben Antworten zu geben. So wurde ebenfalls der Aussagegehalt der verzerrten Einspieler aus Symphonien Gustav Mahlers bzw. der darin vorgenommenen Interpretation „Bruder Jakobs“ (… „schläfst du noch?“) ausgedeutet und auf gegenwärtige politische Konstellationen bezogen. 

 

Trailer: www.moritzliewerscheidt.de/jahrhundertwende/

Interview mit Moritz Liewerscheidt: sociologicalimagination.org/archives/14757

 

Bericht: Dr. Markus Baum

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020