Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Fachtagung „Offen für alle! Für alles offen?“ Jugendarbeit mit geflüchteten Jugendlichen in der Abteilung Aachen (13.02.2018, Aachen)

Der Büchertisch zur Fachtagung

Prof. Dr. Norbert-Frieters-Reermann

Anne Broden nach ihrem Vortrag

Prof.'in Marianne Genenger-Stricker, Prof.'in Dr. Verena Klomann

Der Auftritt des Projektes Freiheit zum Abschluss der Fachtagung

Der Auftritt des Projektes Freiheit zum Abschluss der Fachtagung

Die Fachtagung am 23. Januar 2018, an welcher über 150 Vertreter*innen aus Praxis und Wissenschaft teilnahmen, präsentierte die Forschungsergebnisse des zweijährigen Forschungsprojektes "Bildungsteilhabe von geflüchteten Jugendlichen im außerschulischen Bildungsbereich" (gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung).

Die Fachtagung „Offen für alle! Für alles offen?“ nahm in den Blick, wie sich Jugendarbeit für die Zielgruppe der geflüchteten Jugendlichen geöffnet hat und weiter öffnen kann. „Offen für alle! Für alles offen?“ macht auch deutlich, dass Jugendarbeit herausgefordert ist, eigene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und die Mitwirkung und Bedürfnisse aller zu fördern.

 

Vorträge zu Migration, Jugendarbeit und den Forschungsergebnissen

Nach einer Begrüßung und Einführung von Nadine Sylla hielt Anne Broden den ersten Vortrag zum Thema „Migrationspolitische Diskurse. Kontinuitäten – Herausforderungen – Perspektiven“. Anne Broden ist Referentin für Bildung und Beratung in der Migrationsgesellschaft und Herausgeberin bzw. Autorin einschlägiger Werke zu Migration und Rassismus, wie beispielweise des Sammelwerks „Rassismus bildet“ (gemeinsam mit Paul Mecheril). In ihrem Vortrag beschrieb sie die Arten und Weisen, wie in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland über Migration gesprochen und diskutiert wurde. Sie erläuterte ein Verständnis von Rassismus als gesellschaftliches Strukturprinzip (nicht nur als individuelle Einstellung) und begründete die Perspektive auf Deutschland als Migrationsgesellschaft.

Im zweiten Vortrag stellten die Professorinnen der Katholischen Hochschule NRW in Aachen, Marianne Genenger-Stricker und Verena Klomann, unter dem Titel „Außerschulische Jugendarbeit. Ermöglichungsräume auf dem Abstellgleis?!“ die aktuelle Situation der außerschulischen bzw. non-formalen Jugend- und Bildungsarbeit dar. Der Vortrag beschrieb in neun Schlaglichtern die gegenwärtige Lebenssituation Kinder und Jugendlicher, eine Verschiebung des Bildungsbegriffes zu einem funktionalistisch orientierten Bildungsverständnis sowie die neuen Herausforderungen des Arbeitsfeldes der außerschulischen Jugendarbeit. Der Vortrag plädierte für eine stärkere Anerkennung und Unterstützung der Kinder- und Jugendarbeit, entgegen aktueller politischer Schwerpunktsetzungen.

Prof. Dr. Norbert Frieters-Reermann und Tobias B. Tillmann stellten in ihrem Vortrag die Ergebnisse des Forschungsprojektes und die daraus folgenden Handlungsempfehlungen für die sozialarbeiterische und pädagogische Praxis vor. Das Forschungsprojekt hat u.a. gezeigt, dass der Zugang geflüchteter Jugendlicher zu Angeboten der außerschulischen Bildungs- und Jugendarbeit vor allem von Bezugs- und Vermittlungspersonen, sog. Gatekeepern, abhängt. Des Weiteren wurde deutlich, dass die Jugendlichen selten in die Gestaltung der Angebote miteinbezogen werden. In den Gruppendiskussionen und ethnographischen Erhebungen schilderten die Jugendlichen zudem ihre alltäglichen Rassismuserfahrungen und beschrieben einen hohen Integrations-, Anpassungs- und Leistungsdruck, welchen sie in Deutschland wahrnehmen. Des Weiteren wurden Expert*inneninterviews mit Fachkräften und Ehrenamtlichen in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit geführt. Die präsentierten Handlungsempfehlungen stellten Reflexionsanregungen zu den Themen Zugang, reflexive Inklusion, Bildungsverständnis, Partizipation, Solidarität und Haltung dar.

 

Workshops und Abschluss

Nach den Vorträgen wurden in insgesamt sechs Workshops Fragestellungen und Thematiken des Forschungsprojektes vertieft oder Konzepte und Perspektive für die Praxis der Jugend- und Bildungsarbeit mit geflüchteten Jugendlichen diskutiert.

Im ersten Workshop „Aufeinanderzugehen! Aber wie? Impulse für die Offene Jugendarbeit“ stellte Nadine Zillekens, Leiterin des Jugendtreffs SPACE in Aachen-Walheim, ihre Arbeit gemeinsam mit Jugendlichen des Projektes ‚Freiheit‘ vor. Das SPACE bietet seit langem offene Kinder- und Jugendarbeit in freier Trägerschaft an. Als 2015 die Förderschule direkt nebenan zu einer Notunterkunft für geflüchtete Menschen umfunktioniert wurde, fühlt sich das SPACE in der Verantwortung. Im Projekt ‚Freiheit‘ transportieren die Jugendlichen über die Produktion von Hip-Hop-Musik, Songtexten, Theaterstücken und Tanz ihre Botschaft. Neben der musikalischen Arbeit sind das Erleben von Gemeinschaft, das Miteinander und die gegenseitige Anerkennung unter den Jugendlichen von besonderer Bedeutung.

Im zweiten, von Weena Mallmann und Susanne Bücken moderierten Workshop „Partizipation ernst nehmen?! Selbstorganisation zulassen?!“ wurden Möglichkeiten und Herausforderungen zum Thema Partizipation und Selbstorganisation in Zusammenarbeit mit geflüchteten Jugendlichen in außerschulischen Bildungsbereichen aufgegriffen und anhand ausgewählter Ergebnisse des Forschungsprojektes vorgestellt. Avin Mahmoud von der Organisation Jugendliche ohne Grenzen e.V. und Christine Weber vom Schwimmverein Aix-la-Sports e.V. berichteten von ihrer Arbeit. Aix-la-Sports bietet ein Schwimmangebot für geflüchtete Jugendliche an und bildet diese später zu Schwimmtrainern aus. Avin Mahmoud stellte besonders die aktive Selbstorganisation von Geflüchteten in den Vordergrund.

Der dritte Workshop „Leo wird abgeschoben – Samira nicht! Was nun?“ Umgang mit Abschiebung und Duldung in der Jugendarbeit“ widmete sich rechtlichen Fragen in Bezug auf die Jugendarbeit mit geflüchteten Jugendlichen. Von Ali Ismailovski (Mitarbeiter der Beratungsstelle Café Zuflucht) wurden relevante juristische Fakten zu den Themen Aufenthalt, Asyl, Abschiebung und Duldung präsentiert und Anregungen für die pädagogische Begleitung in diesen Fragen gegeben.

Im vierten Workshop „Grundhaltungen und Methoden diversitätsbewusster und rassismuskritischer Jugendbildung“ stellten Anne-Katharina Wittmann und Nadine Sylla (Referentinnen für politische Bildungsarbeit) Methoden der politischen und diversitätsbewussten Bildungsarbeit vor. Die Methoden konnten im Workshop selber ausprobiert und durchgeführt werden. Diskutiert wurde für welche Zielgruppe die Methoden (nicht) genutzt werden können und was im Umgang mit heterogenen Jugendgruppen zu beachten ist. Der inhaltliche Schwerpunkt lag dabei auf der Sichtbarmachung von Diskriminierungsmechanismen auf der persönlichen und der strukturellen Ebene, welche auch den pädagogischen Alltag unweigerlich betreffen.

Der fünfte Workshop „Empowermenttraining für People of Color - Empowerment gegen Rassismus aus der Perspektive von People of Color“ wurde geleitet von Yasmina Gandouz-Touati (Mitarbeiterin des Mädchentreffs Bielefeld e.V.). Hier konnten die Rassismuserfahrungen der Teilnehmenden zur Sprache gebracht und (Widerstands-)Strategien im Umgang damit reflektiert werden. Der Workshop richtete sich an Schwarze Menschen mit Rassismuserfahrungen, People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte.

Kim Annakathrin Ronacher (systemische Coach und Trainerin) leitete den sechsten Workshop „Was weiß denn ich?! Critical Whiteness-Workshop“. Critical Whiteness bedeutet, in der Beschäftigung mit Rassismus (das eigene) Weißsein mit in den Blick zu nehmen. Rassismus betrifft alle Menschen einer Gesellschaft – aber auf sehr unterschiedliche Weise. Für weiße Menschen erscheint Weißsein meist „normal“ und wird nicht als relevant oder prägend wahrgenommen. Gleichzeitig haben weiße Menschen durch Rassismus zahlreiche Privilegien und reproduzieren Rassismen – oft ohne dies zu wollen. Der Workshop richtete sich an weiße mehrheitsdeutsche Menschen, also Personen, die in Deutschland keine Rassismuserfahrungen machen.

 

Den Abschluss der Fachtagung gestalteten in sehr beeindruckender Weise die Jugendlichen aus dem o.g. Projekt ‚Freiheit‘. Sie führten ein kurzes selbstgeschriebenes Theaterstück auf und präsentierten einige selbstgeschriebene Rap Songs, in denen sie ihre Erfahrungen und Wünsche beschreiben.

 

Die Fachtagung hat die hohe Bedeutung von außerschulischer Jugend- und Bildungsarbeit deutlich gemacht und gezeigt, wie sehr Jugendarbeit sich kontinuierlich verändert, öffnet und anpasst. Ebenfalls zeigte sie Weiterentwicklungspotenziale des Arbeitsfeldes und betonte die Notwendigkeit, Selbstverständlichkeiten zu reflektieren und rassismuskritische Perspektiven zu berücksichtigen.

 

Aus dem Forschungsprojekt heraus ist eine Broschüre zur Jugendarbeit mit geflüchteten Jugendlichen entstanden.  Diese erscheint im Februar 2018 unter dem Titel „Zugehörigkeit und Partizipation ermöglichen. Pädagogische Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen“ in der Reihe „Thema Jugend kompakt“ (Nr. 5) der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen e.V. Sie kann im Internet auf der Website www.thema-jugend.de bestellt werden.


Forschungsteam

Leitung: Prof. Dr. Norbert Frieters-Reermann / Prof.‘in Marianne Genenger-Stricker

wissenschaftliche Mitarbeit: Nadine Sylla, M.A. / Tobias B. Tillmann, M.A. / Weena Mallmann, B.A.

 

Redaktion und Kontakt: Tobias B. Tillmann: t.tillmann(at)katho-nrw.de, +49 241 60003 8083.

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