Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

Fachtagung „Salafistische Radikalisierung als Herausforderung sozialarbeiterischen Handelns“ (19.10.2017, Aachen)

Prodekan Prof. Dr. Martin Spetsmann-Kunkel eröffnet die Tagung

Dr. Michael Kiefer bei seinem Vortrag "Prozessmodelle von Radikalisierung"

Fragerunde im Publikum nach dem Vortrag von Dr. M. Kiefer

Prof. Dr. Barbara Schermaier-Stöckl und Silke Baer, Silke Baer beantwortet Fragen aus dem Publikum

Die Katholische Hochschule NRW, Abteilung Aachen, veranstaltete am 12. Oktober 2017 eine Fachtagung zur Thematik der salafistischen Radikalisierung.

Sie beteiligt sich damit an der fachlichen und gesellschaftlichen Debatte um eine Problematik, welche zurzeit hohe Aufmerksamkeit erfährt. Eine unübersichtliche radikalisierte Szene, eine immer jüngere Zielgruppe und die schnelle Entwicklung der sozialen Medien, die zur Anwerbung genutzt werden, konfrontieren Gesellschaft, Politik und Soziale Arbeit mit vielfältigen Herausforderungen.

Während der Fachtagung diskutierten rund 150 Teilnehmer*innen aus Wissenschaft und Praxis über Entstehung und Verlauf von Radikalisierung sowie Hintergründe und Geschichte des Salafismus. Ein besonderer Schwerpunkt der Tagung lag auf den Möglichkeiten und Grenzen der Sozialen Arbeit in der Intervention und Prävention salafistischer Radikalisierung.

Hauptvorträge: Dr. Michael Kiefer und Silke Baer

Den ersten Hauptvortrag der Tagung zu „Prozessmodellen von Radikalisierung“ hielt Dr. Michael Kiefer, Postdoc am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück und Leiter des Fachbereichs Schulsozialarbeit bei einem freien Träger. Zunächst thematisierte er die Schwierigkeit, Radikalisierung im Allgemeinen und salafistische Radikalisierung im Speziellen zu definieren. Im Hauptteil seines Vortrages diskutierte er verschiedene Modelle, welche den Verlauf von Radikalisierungsprozessen darzustellen versuchen. Beispiele hierfür sind die Stufenmodelle nach Eckert oder Borum sowie das Fließbandmodell nach Baran. In einer abschließenden kritischen Auseinandersetzung mit diesen Modellen wies er darauf hin, dass komplexe gesellschaftliche Realität nie umfassend in linearen Modellen dargestellt werden kann, zumal diese Modelle nicht erklären können, warum bestimmte Personen aus eigener Initiative aus Radikalisierungsprozessen aussteigen und andere nicht. Des Weiteren muss immer beachtet werden, dass kein Automatismus besteht, der Radikalisierung zwangsläufig in Gewalttätigkeit münden lässt.

Im zweiten Hauptvortrag „Gendernormen – Genderbrüche: Was treibt junge Frauen in militant islamistische Szenen?“ ging Silke Baer, pädagogische Leiterin des Vereins cultures interactive e.V., ein Fachträger zu Jugendkulturen in der Prävention von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, zunächst ebenfalls auf die Schwierigkeit ein, das Phänomen der salafistischen Radikalisierung zu benennen. Sie betonte die Notwendigkeit der Differenzierung von Salafismus, Islamismus, Radikalismus, Terrorismus etc. Im weiteren Verlauf schilderte sie die Rolle von Mädchen und jungen Frauen in radikalisierten Szenen und deren Motivation der Teilnahme und Mitwirkung in diesen. Auch wenn verständlicherweise keine exakten Zahlen vorliegen, stellen Mädchen und junge Frauen eine wachsende Zielgruppe radikalisierter Szenen dar. Baer plädierte für eine Konzeption der Präventions- und Distanzierungsarbeit, die sich an genderspezifischen Radikalisierungsmotiven und -verläufen orientiert und beachtet, dass die Mitgliedschaft in radikalisierten Szenen auch persönliches und politisches Empowerment von Mädchen und jungen Frauen darstellen kann.

Workshops

In sieben, auf die Hauptvorträge folgenden Workshops wurden hauptsächlich praxisorientierte Perspektiven im Umgang mit salafistischer Radikalisierung diskutiert.

Die Beratungsstelle „Wegweiser“ der Stadt Aachen gab Einblicke in ihre Präventions- und Sensibilisierungsarbeit in der Region Aachen. Die Beratungsstelle richtet sich an Betroffene und deren familiäres und soziales Umfeld und greift in ihrer Arbeit auf ein breites Präventionsnetzwerk, bestehend aus Jugendamt, Schulen, JobCenter etc. zurück. Des Weiteren bietet sie für die regionale Öffentlichkeit Informationsangebote über religiöse Radikalisierung an.

Dr. Stefan Schlang stellte das Projekt „Plan P – Jugend stark machen gegen salafistische Radikalisierung“ der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) NRW vor. Die Schwerpunkte des überregionalen Präventionsprojektes liegen in der Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte sowie der Unterstützung lokaler Präventionsprogramme und -netzwerke.

David Yuzva Clement, Sozialpädagoge beim Jugendamt der Stadt Bonn, erörterte die Möglichkeiten und Grenzen von Jugendarbeit im Kontext salafistischer Radikalisierung aus der Perspektive des Ansatzes akzeptierender Jugendarbeit.

Maike Nadar, Sozialarbeiterin des Sozialdienstes für Flüchtlinge der Stadt Köln, diskutierte aus ihrer beruflichen Praxis den Umgang mit Radikalisierungsprozessen bei Menschen mit Fluchterfahrung. Anhand der Vorstellung und Diskussion von Fallbeispielen warnte sie vor übereilten Einschätzungen und Markierungen und betonte die Notwendigkeit einer differenzierten Wahrnehmung sowie sensibler Interventionen. Im Besonderen wies sie auf die Bedeutung von Kooperationen und multiperspektivischen Verfahren im Umgang mit Radikalisierungsprozessen hin.

Silke Baer und Laura Dickmann vertieften zum Thema „Genderaspekte in der Präventions- und Distanzierungsarbeit“ die Ausführungen des zweiten Hauptvortrages und leiteten Konsequenzen für die praktische Arbeit hieraus ab.

Das Kompetenzzentrum „jugendschutz.net“ für Jugendschutz im Internet von Bund und Ländern stellte die Aktivitäten islamistischer Szenen im Internet vor. Im Fokus standen die Anwerbestrategien der Szene, welche sich oftmals den ästhetischen Mitteln der Popkultur bedient und Memes, Musikvideos u.Ä. mit islamistischen und gewaltverherrlichenden Inhalten verbreitet. Einen besonderen Schwerpunkt legten die Referentinnen Ingrid Hoffmann und Nava Zarabian auf Aktivitäten, welche Kinder als Zielgruppe haben. Beispiel hierfür sind Lernapps, die vom sog. „Islamischen Staat“ (IS) im letzten Jahr herausgegeben wurden. Vordergründig sollen diese Fähigkeiten im Schreiben und Rechnen vermitteln, dienen jedoch dazu, radikalisierte Botschaften an die Zielgruppe heranzuführen. jugendschutz.net arbeitet auf der Grundlage des Jugendmedienschutzstaatsvertrages und tritt für die Löschung von Inhalten ein, die u.a. als kriegsverherrlichend oder volksverhetzend anzusehen sind oder verbotene Symbole oder explizite Gewaltdarstellungen beinhalten. Zum Ende des Workshops wurden Möglichkeiten vorgestellt, mit denen User auf radikalisierte Inhalte reagieren können.

Im Aussteigergespräch mit Dominic Musa Schmitz, Autor des Buches „Ich war Salafist“, gab dieser Einblicke in seinen persönlichen Radikalisierungs- und Ausstiegsprozess.

Abschlussvortrag und Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Im auf die Workshops folgenden Abschlussvortrag „Vielfalt vs. Ideologie – Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession im Spannungsfeld Salafismus, Gesellschaft und Sicherheit“ erläuterte Prof. Dr. Joachim Söder, Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Aachen, die historische Entstehung des Salafismus im Zuge der Trennung von Sunniten und Schiiten 657 n.Chr. Er arbeitete heraus, dass der Salafismus lediglich eine von vielen verschiedenen Auffassungen und Lehrrichtungen des Islams darstellt.

Salafistische Radikalisierung stellt Soziale Arbeit vor die Herausforderung, adäquate Präventions- und Interventionskonzepte in der Arbeit mit Betroffenen und deren Umfeld zu entwickeln. Die Fachtagung stellte dabei einen Beitrag in diesem Diskussionsprozess dar. Es wurde deutlich, dass v.a. die Entwicklung medienpädagogischer und -kritischer Ansätze sowie die Beachtung genderspezifischer und biographischer Radikalisierungsfaktoren hierbei hohe Relevanz besitzen. Des Weiteren wurde der Wissens- und Kompetenzvermittlung zu Radikalisierung sowie zum methodischen Umgang mit ihr und der Entwicklung einer sensiblen und kritischen Haltung der Professionellen der Sozialen Arbeit hohe Bedeutung beigemessen.

Rückfragen: Prof. Dr. Martin Spetsmann-Kunkel, Mitglied des Organisationsteams der Tagung; weitere Mitglieder des Organisationsteams:  Prof.‘in Dr. Verena Klomann, Prof.‘in Dr. Barbara Schermaier-Stöckl, Silke Baer, M.A. und Maike Nadar, M.A.

Bericht: Tobias Tillmann, M.A. / Wissenschaftlicher Mitarbeiter KatHO NRW, Abteilung Aachen

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014