Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

Soziale Arbeit und Recht – ein neues Lehrbuch (30.06.2017, Aachen)

Interview mit den AutorInnen: Prof.'in Dr. Verena Klomann, Prof.'in Dr. Barbara Schermaier-Stöckl, Prof. Dr. Christof Stock und Anika Vitr.

Drei ProfessorInnen der Katholischen Hochschule NRW haben gemeinsam mit einer Lehrbeauftragten der KatHO / Abteilung Aachen Ende 2016 ein neues Lehrbuch zum Thema „Soziale Arbeit und Recht“ sowie eine das Lehrbuch ergänzende Fallsammlung herausgegeben. Wir haben mit ihnen über die Motivation, das Buch zu schreiben, den Entstehungsprozess und erste Reaktionen von Studierenden und von Fachkollegen auf die Werke gesprochen.

KatHO: Sie haben ein Lehrbuch „Soziale Arbeit und Recht“ und eine Fallsammlung mit Übungen konzipiert und herausgegeben. Was waren Ihre Beweggründe für dieses sicherlich sehr arbeitsintensive Projekt?

AutorInnen: Unsere Intention für das Buch beruht auf der Beobachtung, dass die bisherige juristische Fachliteratur für SozialarbeiterInnen sich häufig nur auf bestimmte Handlungsfelder fokussiert. So gibt es z. B. viel Literatur zur Kinder- und Jugendhilfe. Uns fehlte einerseits Literatur, die die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit umfassend abbildet und andererseits Literatur, die das Recht ausgehend von der Sozialen Arbeit in den Blick nimmt.

KatHO: An wen richtet sich das Lehrbuch?

AutoInnen: Die Zielgruppe für die wir das Buch geschrieben haben, sind daher sowohl Studierende als auch Praktiker der Sozialen Arbeit und der juristischen Berufe.

KatHO: Die rechtlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit  sind ein wichtiger Baustein im Studium der Sozialen Arbeit und im späteren Berufsleben der SozialarbeiterInnen. Ihr Lehrbuch nimmt eine neue Perspektive – auch  für Lehrende auf diesem Gebiet – ein. In einer Rezension zu Ihrem Buch heißt es: „Die AutorInnen schaffen es, den Bezug zu professionellem sozialen Handeln und den rechtlichen Grundlagen als Einheit zu präsentieren.“  Was ist das Neue?

AutorInnen: Die Tatsache, dass sich die Literatur meist nur auf bestimmte Handlungsfelder konzentriert, spiegelt unserer Erfahrung nach auch die Art und Weise wider, wie Recht in der Sozialen Arbeit häufig gelehrt wird, nämlich nicht umfassend, sondern oft werden einzelne Handlungsfelder als Schwerpunkt und andere nur als Wahlfächer angeboten. So haben wir übrigens in Aachen auch gestartet. Christof Stock lehrte Verwaltungs- und Sozialrecht, Barbara Schermaier-Stöckl Zivilrecht und Kinder- und Jugendhilferecht und Anika Vitr Strafrecht. Vor vier Jahren hat bei uns ein Umdenkprozess begonnen.

KatHO: Wie gestaltete sich dieser Umdenkprozess?

AutorInnen: Wir verstehen das Bachelorstudium der Sozialen Arbeit als generalistisches Studium und die Studierenden sollen einen Einblick in alle Handlungsfelder und deren rechtliche Grundlagen erhalten und nicht in einzelne juristische Fächer. Dies bedeutete für uns JuristInnen eine Abkehr von klassischen juristischen Fächerzuschreibungen (Zivilrecht, Verwaltungs-/Sozialrecht, Strafrecht etc.) und wir erkannten die Notwendigkeit, uns in unseren jeweiligen juristischen Spezialgebieten zu weiten und gleichzeitig auch unsere juristische Sichtweise zu weiten. Wir fassten den großen Vorsatz das Recht nicht mehr durch unsere im juristischen Studium und der juristischen Praxis geschulte Brille zu lehren, sondern aus der Sicht der Sozialen Arbeit. Dazu fehlte uns aber die Literatur und wir beschlossen selbst ein Lehrbuch und zur Vertiefung und praktischen Anwendung eine Fallsammlung zu verfassen. Klar war von Anfang an, dass die Werke einen starken Praxisbezug haben müssen und auch Praktiker ansprechen sollen, deshalb beginnt jedes Kapitel mit einem „typischen Fall“ aus der Praxis.

KatHO: Wie leicht ist es Ihnen als JuristInnen gefallen, den von Ihnen beschriebenen Brillenwechsel zu vollziehen?

AutorInnen: Im Laufe der Arbeit wurde uns schnell klar, dass es vermessen ist, wenn wir als JuristInnen die Sicht der Sozialen Arbeit beschreiben und wir merkten, dass wir an unsere Grenzen kamen und dem Anspruch, den wir mit den Werken verfolgen, nicht gerecht werden konnten.

Unser Entwicklungsprozess führte uns die Notwendigkeit der Interdisziplinarität klar vor Augen. Für uns war Verena Klomann die ideale Vertreterin aus der Fachschaft Soziale Arbeit, weil es mit ihr in der Lehre schon vielfältige und erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit gab.  So sind die Themenfelder in unseren beiden Werken auch ein Abbild dessen, wie Handlungsfelder in der Lehre interdisziplinär vertreten werden.

KatHO: Was ist charakteristisch für die Verbindung  „Sozialer Arbeit und Recht“?

AutorInnen: Das Recht ist der zentrale Bezugsrahmen für die Soziale Arbeit, egal in welchem Feld. Sozialarbeiter müssen wissen, woraus sich ihr Auftrag und ihre berufliche Rolle ableiten. Sie müssen aber auch wissen woraus sich Ansprüche ihrer Klienten ableiten, und wo und wie sie geltend gemacht werden können. Soziale Arbeit ist gekennzeichnet durch Komplexität und gleichzeitig durch Vertraulichkeit. Deshalb spielen unter anderem Fragen von Vertraulichkeit und Verantwortlichkeit eine große Rolle und die Antworten auf diese Fragen finden sich eben auch im Recht.

KatHO: Welches Resümee ziehen Sie heute mit Blick auf Ihre Ausgangsmotivation und den Entstehungsprozess?

AutorInnen: Die intensive Arbeit war für uns alle eine große Bereicherung und eine Erweiterung des eigenen Horizonts. Die Entwicklung hin zu mehr Interdisziplinarität ist für uns auch noch lange nicht abgeschlossen, sondern steht erst am Anfang und wir hoffen, dass sie noch viel weitere Kreise an unserer und anderen Hochschulen zieht.

Es gibt viele positive Rückmeldungen und Rezensionen,  wie z.B. von Bernd Gimmel auf www.socialnet.de: „Auf dieses Lehrbuch hat die Fachwelt schon lange gewartet!“. Diese Rückmeldungen zeigen uns, dass es einen Bedarf für das Lehrbuch und die Fallsammlung gibt und es uns tatsächlich gelungen ist, etwas Neues auf den Markt zu bringen.

KatHO: Gibt es Planungen für weitere Buchprojekte?

AutorInnen: Die vielen positiven Rückmeldungen von Studierenden und KollegInnen der eigenen, aber auch der anderen Fachdisziplinen ermutigen uns, den gemeinsamen Weg weiter voranzuschreiten. Die ständige Weiterentwicklung und die Änderungen der gesetzlichen Grundlagen seit Erscheinen des Lehrbuches und der Fallsammlung (z.B. Bundesteilhabegesetz, SGB VIII-Reform, Änderungen im Flüchtlingsrecht, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen) erfordern es, dass wir schon an die Neuauflage unserer Werke denken!

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Informationen zu den AutorInnen:

  • Prof.'in Dr. phil. Dipl. Soz. Päd./M.A. Verena Klomann, Professorin für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Supervisorin (DGSV)

  • Prof.'in Dr. jur. Barbara Schermaier-Stöckl, Professorin für Familien- sowie Kinder- und Jugendhilferecht an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Mediatorin (BAFM)

  • Prof. Dr. jur. Christof Stock, Professor für Sozial-, Verwaltungs- und Medizinrecht an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Medizin- und Verwaltungsrecht

  • Anika Vitr, Rechtsanwältin, Syndikusrechtsanwältin an der Uniklinik RWTH Aachen, Lehrbeauftragte an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Fachanwältin für Arbeits- und Versicherungsrecht

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