Verrückte Module - am Puls des Lebens

 

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Kai Sander

Welchen Beruf haben Sie ausgeübt, bevor Sie Professor an der KFH NW wurden?

Nach dem Studium von Philosophie und Theologie in Trier und Tübingen und einer pastoralen Ausbildung in Trier war ich in Seelsorge und Religionsunterricht tätig, zuletzt als Kaplan und Pfarrverwalter in Saarbrücken. Bereits 1993 erhielt ich den Auftrag zum Promotionsstudium im Fach Dogmatik, 1994 wurde ich Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Trier und Dozent im Trierer Pastoralkurs. Im Herbst 2000 wurde ich zum Dozenten für Fundamentaltheologie am Studienhaus Burg Lantershofen bestellt, ein Seminar für Priesteramtskandidaten des "dritten Bildungsweges", später war ich "stellvertretender Studienleiter". Gleichzeitig war ich auch Lehrbeauftragter für Systematische Theologie an der Universität Koblenz im dortigen Lehramtsstudiengang. Während dieser gesamten Zeit war ich in verschiedenen Funktionen in der Seelsorge, in der kirchlichen Verbands- und Jugendarbeit auf Dekanatsund Bistumsebene tätig.

Welche war die größte Herausforderung bisher in Ihrem Leben?

Das ist eine interessante Frage, die mich zum Nachdenken bringt... Ich möchte folgende Antwort versuchen: In den vergangenen Jahren habe ich auf vielen verschiedenen und verschiedenartigen "Baustellen" gearbeitet. Alle hatten auf die eine oder andere Weise etwas mit Kirche zu tun, alle mit jungen Menschen und mit der Frage nach den heute sinnvollen und fruchtbaren Realisierungsformen von Christsein und nach der Weitergabe des Glaubens. Manchmal wurde der Glaube dabei als Hoffnungshorizont und Heilslehre empfunden, manchmal wurde er angeklagt als System von Unterdrückungen, manchmal wurde er respektvoll, aber unerbittlich unter "Denkmalschutz" gestellt als Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Rede und Antwort stehen können gegenüber jenen, die nach der Hoffnung fragen, die uns Christen erfüllt, lesen Sie mal 1 Petr 3,15. Und anderen Menschen eben diese Fähigkeit weiterzugeben, vielleicht ist das die beste Umschreibung für die große Herausforderung, der ich mich stellen möchte. Ich sehe diese Aufgabe keineswegs als abgeschlossen an, sondern in jeder Begegnung mit den Studierenden und mit den Kolleginnen und Kollegen lasse ich mich gerne neu auf dieses Abenteuer ein.

Welche war die bisher schmerzlichste Einsicht in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Wenn man beruflich mit dem größten und ältesten "global player" der Menschheitsgeschichte zu tun hat, kann das ja eine durchaus zwiespältige Erfahrung sein. In der langen und vielfältigen Geschichte der Kirche sind leider auch viele Fehler zu beklagen, und Menschen in der Kirche haben vielfach Schuld auf sich geladen. Eine schmerzliche Folge davon, unter der auch meine Arbeit zu leiden hat, ist, dass viele Zeitgenossen der christlichen Botschaft und dem kirchlichen Einsatz misstrauisch oder ablehnend begegnen. Solche Vorbehalte gegenüber Kirche und Theologie wirken dann aber manchmal auch zurück und führen auch innerkirchlich zu Misstrauen, Argwohn, Verlustängsten oder "Betriebsbildheit" – z.B. gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, innerhalb von Gemeinden, Diözesen und Verbänden. Wie viel Energie und Zeit gehen dabei verloren, wie viel guter Wille wird enttäuscht, wie viele Chancen verbauen wir uns selber, wenn wir uns hinter strukturellen oder psychischen Blockaden verschanzen …

Was bringt Sie herzerfrischend zum Lachen?

Ich könnte jetzt im Prinzip die gleichen Dinge nennen wie eben, denn solche Blockaden und Einseitigkeiten im Denken haben oft auch eine groteske oder komische Seite. Wenn ich dann gelegentlich darüber stolpere,wie ich in meinem eigenen Denken auf eines der "typisch theologischen" Missverständnisse reingefallen bin, dann kann ich wirklich aus ganzem Herzen lachen. Oder wenn z.B. unser Fachbereich einen ganzen Klausurtag lang mit höchster Konzentration an der geforderten Modularisierung unseres Studiengangs arbeitet und sozusagen von morgens bis abends Module diskutiert werden, bis man am Ende vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, dann kann es passieren, dass mir plötzlich der Satz im Kopf rumspukt: "Die Module spiel’n verrückt ...". Zuerst achte ich nicht weiter darauf, aber es "arbeitet" fleißig weiter im Hintergrund. Bald gesellt sich auch eine Melodie dazu und taucht für einen Augenblick die Arbeit in ein anderes Licht. Und schließlich ist die Erinnerung wieder ganz da: Da war vor über zwanzig Jahren der Song "Computerliebe" der Gruppe "Paso doble" aus der "Neuen Deutschen Welle". Erinnern Sie sich?

Klar, daran erinnere ich mich…. "Die Module spiel’n verrückt! Mensch, ich bin total verliebt. Schalt mich...

ein und schalt mich aus, die Gefühle müssen raus ..." Wer hätte damals schon geahnt, wie wahr diese Prophetie einmal wird! Über solchen Blödsinn kann ich tatsächlich herzhaft lachen.

Kommen Sie noch zu etwas anderem als zu Bachelor und Master?

Natürlich spielen B.A. und M.A. momentan eine wichtige Rolle. Mein Start an der KFH fällt ja mitten in die Phase der Vorbereitung der neuen Studiengänge, weshalb ich ganz bewusst und intensiv versuche, wirklich zielgerichtete, inhaltlich und methodisch passgenaue Studienangebote zu unterbreiten. Ich freue mich deshalb sehr, dass die von der Deutschen Bischofskonferenz eingesetzte neue Arbeitsgruppe zur Reform der Ausbildung von Gemeindereferentinnen und -referenten mich gemeinsam mit der Dekanin unseres Fachbereiches, Professorin Dr. Wuckelt, zur Mitarbeit an den Erstellung bundesweit gültiger Eckpunkte für diesen Prozess eingeladen hat. Dieser insgesamt sehr aufwändige Vorgang der Modularisierung unseres Studiengangs "Religionspädagogik" hat aber noch einen anderen bedeutsamen Nebeneffekt: Es ist dabei nämlich von Neuem deutlich geworden, wie viele Inhalte und Qualifikationen aus verschiedenen Wissenschaften und Lebensbereichen hier zu einem komplexen und vielseitigen Bildungsgang verknüpft sind. Es macht mir wirklich viel Freude, in diesem Prozess der fachlichen und methodischen Qualifikation mitwirken zu dürfen. Trotzdem vermuten Sie mit Ihrer Frage ganz richtig: Ich habe tatsächlich zur Zeit auch noch etwas ganz Anderes in der "Mache", nämlich eine religionsphilosophische Untersuchung über die Frage, wie sich im Blick auf die menschliche Person und deren Orientierung in der Welt religiöser Glaube begründen und verorten lässt. Ich möchte aber heute noch nicht darüber erzählen. Man soll das Wildschwein, wie es bei Asterix heißt, erst erlegen bevor man seine Haut versteigert.

Wenn es so weit ist, sprechen wir uns wieder. Noch einen Schritt weiter: Welche Frage ist für Sie die voraussichtlich wichtigste der nächsten fünf Jahre?

In allen Lebensbereichen wird zur Zeit von einer erforderlichen Umstrukturierung gesprochen: bezogen auf die globale Ordnung, auf die Europäische Union und auf unsere Gesellschaft, auf das kulturelle und soziale Leben, auf berufliche Laufbahnen, auf Familie und Freundeskreis. Auch für die Kirche werden neue Strukturen eingefordert: auf weltkirchlicher und diözesaner Ebene, in der Gemeindeseelsorge und bis hinein in die persönliche Praxis gelebten Christseins. Meine theologische Arbeit zeigt mir im Blick auf Christsein und Kirche, dass die Strukturen niemals zum Selbstzweck werden dürfen, sondern von den Inhalten abhängen müssen. Das wird die wirklich wichtige Frage sein: Welche Inhalte sind uns wichtig – und zwar auf all den genannten Ebenen? Wo wollen wir hin? Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben – als Weltfamilie, als Staat, Gesellschaft, als Mitmenschen und auch als Kirche? Wenn wir darüber miteinander reden und uns verständigen – und zwar wirklich alle: Jung und Alt, Frauen und Männer, Arme und Reiche, Ausländer und Inländer, solche, die mitten im Leben stehen, und solche, die an den Rand gedrängt wurden – wenn das gelingt, dann finden wir auch die dazu passenden Strukturen. Ich freue mich, dass ich an einer solchen Hochschule arbeiten darf, deren Bemühen in allen Fachbereichen genau diesem Ziel dient. Damit haben wir unseren Platz wirklich "am Puls des Lebens".

Professor Sander, vielen Dank.


Dieses Interview stammt aus der Ausgabe Nr. 3 der Hochschulzeitung kfh:news, Titel: "Qualität im Dienste der Menschen".

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