
Was Kinder psychisch kranker Eltern brauchen
Experten-Tagung in Paderborn: Kinder psychisch kranker Eltern
Von Julika Kleibohm
Bis vor einigen Jahren noch waren sie die „vergessenen Kinder“ und wurden als Angehörige psychisch kranker Menschen kaum wahrgenommen. Dabei sind gerade die Kinder psychisch kranker Eltern vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Die psychische Erkrankung eines Elternteils stellt für Kinder ein einschneidendes Lebensereignis dar, das mit großen Veränderungen in der Familie und im Alltag verbunden ist. Hinzu kommt das erhöhte Risiko, später selbst psychisch zu erkranken.
Entsprechend groß war auch die Resonanz der Fachtagung „Kinder psychisch kranker Eltern“ an der Katholischen Fachhochschule (KFH) NW, Abteilung Paderborn. Mehr als hundert interessierte Fachkräfte aus Klinik, Schule, Gesundheitswesen und Familienhilfe waren der Einladung von Prof. Dr. Albert Lenz, Fachbereich Sozialwesen, und PD Dr. Berward Vieten, Chefarzt der LWL-Klinik, Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie in Paderborn, gefolgt.
Dort wurde zunächst über die neuesten Forschungsergebnisse und deren Konsequenzen für die Praxis informiert. Anschließend stellte das Netzwerk „Kinder psychisch kranker Eltern“, das aus KFH NW, LWL-Klinik sowie verschiedene Paderborner Institutionen und Einrichtungen besteht, seine zahlreichen Projekte, Aktivitäten und Hilfsangebote vor.
Rund ein Drittel der psychisch kranken Menschen in stationärer Behandlung hat ein oder mehrere Kinder. In Deutschland sind also mindestens 500.000 Kinder betroffen – die Dunkelziffer ist hoch. Sie sind durch die Erkrankung des Elternteils dauerhaft hohen Belastungen ausgesetzt: Dazu gehören unter anderem der Verlust von Halt und Stabilität im Alltag, weil die Eltern ihre Aufgaben nur noch bedingt wahrnehmen, emotionale Instabilität, Mangel an sicheren Bindung zu Bezugspersonen, wiederholte Klinikaufenthalte eines Elternteils, die Angst selbst psychisch krank zu werden sowie die permanente Überforderung durch Übernahme von Verantwortung – meist nicht nur für jüngere Geschwister, sondern auch für den erkrankten Elternteil.
Besonders leiden die Kinder unter der Isolation, die aus der Tabuisierung der Krankheit entsteht. Durch das Verbot der Eltern über die Krankheit zu sprechen, hat das Kind oft niemanden an den es sich wenden kann. Auch Freunde kann es nicht mit nach Hause nehmen, weil die Situation dort fast immer unvorhersehbar ist.
„Die mangelnde Erziehungsfähigkeit des erkrankten Elternteils stellt einen der größten Risikofaktoren für die Entwicklung der Kinder dar“, betonte Prof. Dr. Lenz. Er forderte an dieser Stelle den Ausbau und die Verstärkung der Hilfsangebote. „Maßnahmen zur Stärkung der Erziehungskompetenz müssen noch mehr als bisher in Prävention und Therapie einbezogen werden.“
Trotz der kritischen Familiensituation werden jedoch nicht alle Kinder psychisch krank. Wie sie die Belastungen bewältigen und welche Schutzmechanismen greifen, das ist Gegenstand des jüngsten Forschungsprojektes an der KFH in Paderborn. Es wird wie die bisherigen Untersuchungen in enger Zusammenarbeit mit der LWL-Klinik durchgeführt.
Erste Erkenntnisse zeigten hier, dass es sehr wichtig ist, die Kinder über die Erkrankung der Eltern umfassend zu informieren. „Nur so gewinnen sie ein Gefühl der Kon-trolle und der Bewältigbarkeit des familiären Alltags,“ so Lenz. Außerdem nehme es die mit dem Alter der Kinder stetig wachsende Angst, selbst zu erkranken. Denn dafür gibt es zwar eine geringe genetische Prädisposition, „entscheidend ist aber das Umfeld.“
Damit die Hilfsangebote auch wirken und auf Dauer angenommen werden, empfiehlt Lenz dringend, als erstes eine gründliche Problemanalyse vorzunehmen. „Nur wenn alle Facetten der jeweiligen familiären Situation bekannt sind, lassen sich daraus die richtigen Hilfsangebote ableiten.“ Was nütze es, wenn ein Kind aus der Gruppe, in der es sich wohlfühlt, nach wenigen Sitzungen wieder abgemeldet wird, weil die alleinerziehende, psy-chisch kranke Mutter die Pädagogin in der Gruppe als Konkurrenz um die Liebe des Kindes betrachtet. „Damit Hilfsangebote greifen und in Anspruch genommen werden, brauchen die Kinder unbedingt auch die innere Erlaubnis der Eltern.“
Weil bei einem so komplexen Problemfeld einer allein nicht helfen kann, hat sich im Kreis Paderborn ein umfassendes Netzwerk aus Institutionen und Hilfseinrichtungen gebildet. „Gemeinsam wollen wir unseren Blick auf das Kind richten und nachhaltige, verlässliche Hilfsangebote machen“, erläutert Ingeborg Heukamp vom Kreisjugendamt Paderborn. „Hier ziehen alle an einem Strang, wir legen gemeinsame Ziele fest und verteilen die Aufgaben sinnvoll.“
Wichtig sei es auch etwas gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung zu tun, weil die betroffenen Kinder sonst vereinsamen. „Wir haben zum Beispiel Schulen zur Besichtigung unseres Krankenhauses eingeladen, um Kinder über psychische Erkrankungen besser aufzuklären“, berichtet Dr. Dorothee Hupe-Windmeier, Oberärztin an der LWL-Klinik. „Leider bisher mit zu wenig Resonanz. Aber natürlich besteht dieses Angebot auch weiterhin.“
Weitere Information:
KFH NW, Abteilung Paderborn, Fachbereich Sozialwesen,
Prof. Dr. Albert Lenz
Dipl.-Psychologin Juliane Kuhn
Leostraße 19, 33090 Paderborn
Telefon 05251/ 1225-62
Julika Kleibohm ist Freie Journalistin und lebt in Salzkotten.