Aufbruch in unbekannte Gefilde (23.09.09, Münster)

Nach 35 Jahren beendet Wolfgang Köhn in diesem Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit als Dozent an der KatHO.

Maßgeblich beteiligt war er in den 70-er Jahren am Aufbau des Studiengangs Heilpädagogik an der KFH Köln.

Im Jahr 1984 wurde ein zweiter Studiengang Heilpädagogik in der Abteilung Münster gegründet unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Gröschke. Wolfgang Köhn unterrichtete zunächst in Köln weiter. Nebenher absolvierte er noch eine Ausbildung als Supervisor.

1998 wurden die Kölner Studienplätze nach Münster transferiert, um dort einen 40-köpfigen HP-Studiengang aufzubauen. Für Wolfgang Köhn bedeutete das, zwischen Köln und Münster zu pendeln.

Gemeinsam mit seinen Kollegen in Münster kämpfte Wolfgang Köhn für die Belange der Heilpädagogik als dem kleinsten Studiengang im Fachbereich Sozialwesen. Wichtig war den Dozenten immer die möglichst enge Verknüpfung von Praxis und Lehre.

Aufbruch zu neuen Ufern. Wolfgang Köhn freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Bergwandern in den Dolomiten oder Bücherstudium im Schatten eines Baumes - dazu bleibt ihm nach der Verabschiedung hoffentlich etwas mehr Zeit.

Caspar David Friedrich "Wanderer über dem Nebelmeer" (um 1818). Wolfgang Köhn: "Auf dem Gipfel des Felsens blickt man in die weite Landschaft. Man nimmt etwas mit von diesem Gefühl der Freiheit."

Interview zum Abschied von Wolfgang Köhn

 

Lieber Herr Köhn, Sie beenden in diesem Jahr Ihre hauptamtliche Tätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster. Seit 1974, also seit 35 Jahren sind Sie an der KatHO tätig. Sie waren 30 Jahre alt, als Sie zur KatHO (die damals noch KFH hieß) kamen. Und was haben Sie vorher gemacht?

 

Ich habe zunächst Sozialpädagogik studiert, in verschiedenen Bereichen Praktika absolviert und schließlich in Köln ein Jugendhaus geleitet. Hier begegnete ich unter anderem  Eltern mit behinderten Kindern, für die ich kein Angebot hatte. Diese Herausforderung hat mich dazu bewogen, Heilpädagogik in Würzburg zu studieren.

Danach zog es mich aber doch erst einmal wieder zur Jugendarbeit, ich war als Diözesanreferent der KJG (Katholische Junge Gemeinde) im Bistum Essen tätig, heiratete meine Frau Barbara, und wir bekamen unsere erste Tochter. Dort lernte ich auch Prof. Dr. Theresa Bock kennen, die spätere ersten Rektorin der KFH,  und ich erinnere mich an eine gemeinsame Podiumsdiskussion pro Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik.

 

Zu dieser Zeit gab es ja noch keine Fachhochschulen, nur Höhere Fachschulen und Universitäten.

 

Wie so oft war wieder einmal eine deutsche Bildungsreform fällig, mit mehr oder weniger Erfolg. Es wurden Fachhochschulen etabliert, so auch die Katholische Fachhochschule NRW mit ihren Abteilungen in Aachen, Köln, Münster und Paderborn mit je verschiedenen Studiengängen, hauptsächlich jedoch für das Sozialwesen.

 

Und Sie wurden Dozent an der KFH NW?

 

Ganz so schnell ging es nicht. Der Studiengang Heilpädagogik wurde erst etwas später eingerichtet. Auf Hinweis der Rektorin der KFH, Prof. Bock, bemühte sich der inzwischen verstorbene Prof. Norbert Neuhaus um meine Mitarbeit. Es gab zu dieser Zeit nur sehr wenige Heilpädagogen in der Bundesrepublik. Teilweise waren diese in der Zeit des Nationalsozialismus als Erzieher in Behinderteneinrichtungen in Verruf geraten. Heilpädagogische Ausbildungsstätten beziehungsweise Universitäten existierten damals nur in der Schweiz, beispielsweise in Fribourg.

 

Aber schließlich entschieden Sie sich doch?

 

Ehrlich gesagt, hatte ich wenig Lust. Ich stellte mir das Leben als Dozent ziemlich langweilig und eintönig vor: Mehr oder weniger immer dasselbe erzählen, Klausuren korrigieren, langen Konferenzen beiwohnen, den ganzen Hochschulkram politisch und bürokratisch mittragen fernab der Praxis, das lag mir gar nicht. Ich liebte und liebe die Praxis in der Jugendarbeit, die Arbeit im Kinder- und Jugendwohnheim, in der Erziehungsberatungsstelle, das erschien mir sinnvoller als die „Lehre“, die ich mit zwei „e“  dachte.

 

Umso überraschender, dass Sie 35 Jahre lang durchgehalten haben!?

 

Das unaufhörliche Drängen meiner späteren Kollegen, Norbert Neuhaus und Maria Sandschulte, die in der Schweiz Heilpädagogik studiert hatte, ließ mich schließlich den Versuch wagen. Maria Sandschulte hatte selbst ein Kinderheim in Düsseldorf geleitet und überzeugte mich mit dem Argument, dass sie für die Lehre einen Praktiker benötigten. Im Stillen behielt ich mir eine Kündigung vor und  legte mir ein Jahr als Probe auf.

 

Dann ging es mit dem Studiengang Heilpädagogik mit nur 20 Studierenden los.

 

Zu meiner Überraschung kamen die jungen Leute alle aus der erzieherischen Praxis und hatten Vorerfahrungen in verschiedenen Einrichtungen gemacht. Wir waren mit zwei Seminarräumen ins Kolpinghaus in Köln „ausgelagert“, weil im angemieteten Gebäude der Hochschule kein Platz mehr war. Und so pendelten wir zu Fuß zwischen beiden Einrichtungen. Dabei kam ich  mit den Studierenden sehr persönlich ins Gespräch  – wie aus meinem sozialpädagogischen Streetwork gewohnt. Das war anregend und machte mir Spaß. Ich fühlte mich herausgefordert, und es kam auch in den Vorlesungen und Seminaren zu fachlich interessanten Diskussionen, die auch für mich lehrreich waren. Außerdem wurden gleich zu Beginn verpflichtende Selbsterfahrungsseminare für die ganze Semestergruppe angeboten, die wir drei Dozenten leiteten. Da gab es für niemanden ein Ausweichen: Lernende und Lehrende mussten sich persönlich stellen und im Alltag der Hochschule beweisen, worüber sie sprachen. Heilpädagogik musste sich ganz persönlich als „Erziehung der Erzieher“ erweisen. Für uns Lehrende galt es, Selbstreflexion zu üben und somit das zu tun, was wir den Studierenden als Grundlage ihres heilpädagogischen Handelns vermitteln wollten. In diesem Lernklima kamen die Theorie und deren Umsetzung durch die Praktika nicht zu kurz. Das gefiel mir und  forderte mich heraus. Um dieser Herausforderung besser gewachsen zu sein, machte ich nebenher noch eine Supervisionsausbildung.

 

Heilpädagogik definiert sich als „Erziehung unter erschwerenden Bedingungen". Sie bedeutet die bestmögliche Begleitung der jeweiligen Klienten, der behinderten oder verwahrlosten Kinder und Jugendlichen und die Beratung und praktische heilerzieherische Unterstützung der Eltern. Wie bereiteten Sie die Studenten auf diese Aufgabe vor?

 

Wir Lehrenden waren bemüht, nicht nur zu belehren, sondern uns im Handeln auseinander zu setzen. So mussten die Studierenden in den Praxisphasen des Studiums – und das waren damals mehr als heute – alles schriftlich protokollieren. Wir Dozenten kommentierten diese Ausführungen handschriftlich und boten zusätzliche Gesprächstermine an, um Unklarheiten und Unsicherheiten zu beseitigen. Auf diese Weise dozierten wir nicht nur, dass Heilpädagogik eine dialogische Beziehung sei, sondern wir übten miteinander diese Beziehung ein. Auch die Benotung begründeten wir persönlich. Da zählten nicht – und das ist bis heute so geblieben – die unbezahlten Überstunden, sondern die Erfüllung des heilpädagogischen Auftrags, sowohl der Studierenden wie der Lehrenden.

 

Wie schafften Sie es da noch, ihre Aufgaben in den Hochschulgremien und Kollegialorganen wahrnehmen?

 

Das war nicht immer einfach. Überall da, wo Menschen zusammen kommen, geht es um Macht, um Durchsetzung von Interessen; und manchmal mischen sich persönliche und berufliche und auch politische Interessen miteinander und führen zu unguten Auseinandersetzungen. „Alles Tier ist im Menschen“, sagt ein Sprichwort, „aber nicht aller Mensch im Tier!“, heißt es weiter. Mit anderen Worten: Trotz der Artengenossenschaft hat der Mensch die Möglichkeit zu reflektieren und zu differenzieren und dem entsprechend gefühlvoll und auch nachdenklich zu handeln, anstatt lediglich zu reagieren. Aber trotzdem ist immer ein Rahmen gesetzt, in dem man sich bewegt. Um weiter zu kommen, muss man ihn oftmals sprengen. Nach meinem Empfinden war die Arbeit in den ersten Jahren experimenteller und erfahrungsbasierter als heute, bedingt durch die fortschreitende Bürokratisierung. Wichtig war mir aber vor allem die Beteiligung der Studierenden in den Gremien, für die ich stets geworben habe und die zu guten, Studien fördernden Ergebnissen beitrug.

 

1984 wurde ein zweiter Studiengang Heilpädagogik mit 20 Studierenden in der Abteilung Münster gegründet unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Gröschke. Elke Biene-Deißler, die zuvor an der Katholischen Hochschule Freiburg im Studiengang HP tätig war und Marianne Kastl, die Heilpädagogik an der KFH in Köln studiert hatte, arbeiteten an der Gründung mit. Im Jahre 1998 wurden die Kölner Studienplätze dann nach Münster transferiert, um dort einen 40-köpfigen HP-Studiengang aufzubauen. Und für Sie hieß es zu pendeln.

 

Für mich war das eine harte Zeit: Einerseits die Auflösung und der Abschied aus Köln, andererseits der Neubeginn in Münster. Ich fuhr anfangs noch vier Tage in der Woche nach Köln und einen Tag nach Münster, bis sich der Spieß umdrehte und ich abschließend nur noch nach Münster fuhr. Es war auch eine emotional harte Zeit der Umstellung und des Neuanfangs. Zumal zu dieser Zeit wieder einmal eine so genannte Studienreform stattfand und ich gemeinsam mit meinen Kollegen in Münster, insbesondere mit dem Sprecher des Studiengangs Prof. Gröschke kämpfen musste, um die Belange der Heilpädagogik als kleinstem Studiengang im Fachbereich Sozialwesen durchzusetzen. Wichtig war allen Kollegen die  möglichst enge Verknüpfung von Praxis und Lehre. Die Diplom-Studienordnung bewährte sich bis zur derzeitigen Studienreform zum Bachelor-Studium sehr gut. Inzwischen ist es den Kolleginnen und Kollegen im Studiengang HP gelungen, unter erschwerenden Bedingungen - wie in der Praxis der Heilpädagogik üblich – auch für das Bachelor-Studium der Heilpädagogik wieder ein möglichst verantwortbares Gleichgewicht zwischen Lehre und Praxis herzustellen. Notwendig ist allerdings eine noch gezieltere Auswahl von Studienbewerbern  mit möglichst zweijähriger Vorpraxis in heilpädagogisch relevanten Arbeitsfeldern, auf die im Studium zurückgegriffen werden kann. Für die Praxis steht nämlich nur noch ein Semester zur Verfügung. Zwar wird sich bald noch ein Masterstudiengang HP anschließen, aber aufgrund der Studiengebühren sind die Möglichkeiten für viele junge Menschen beschränkt. Persönlich lehne ich die Studiengebühren ab, weil Bildung den nachfolgenden Generationen ohne zusätzliche Erschwernisse ermöglicht werden sollte.

 

Das hört sich an, als seien Sie nicht gerade glücklich über die derzeitige Situation. Wird dadurch Ihr Abschied nicht überschattet?

 

Formal gesehen, ja. Aber persönlich gesehen nicht! Im Gegenteil: Ich freue mich und bin glücklich darüber, dass es unserem Dozententeam gelungen ist, unter erschwerenden Bedingungen das zur Zeit bestmögliche Modell für das Bachelor-Studium der Heilpädagogik zu entwickeln. Wir ermöglichen unseren Studierenden alles, was unter den gegebenen Bedingungen und mit hohem persönlichen Einsatz aller Beteiligten zu schaffen ist. Ich bin stolz darauf, dabei noch ein wenig mitgewirkt zu haben. Außer den in der Praxis erfahrenen  Dozenten arbeiten viele ehemalige Studierende des Studiengangs als haupt- oder nebenamtlich Lehrende. Sie bereichern die neuen Studierenden mit ihrem Engagement und können ihre eigenen studentischen und praxisnahen Erfahrungen in die Lehre einbringen. Außerdem freue ich mich über die vielen Rückmeldungen und Erinnerungen, die ich von ehemaligen Studierenden immer wieder erhalte und für die ich mich an dieser Stelle sehr herzlich bedanken möchte. So kann ich mit gutem Gewissen und mit Dank für die mir geschenkte Zeit an der KatHO loslassen und aufrichtig sagen: „Es ist vollbracht!“

 

Sie sind ein Mensch, der sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt. Wie geht es weiter nach 35 Jahren KatHO?

 

Das wird sich noch herausstellen. Ich bin jedenfalls froh, die derzeitigen Belastungen los zu sein. Ich weiß, dass nun wieder einmal ein neuer Lebensabschnitt und damit eine neue Herausforderung für mich beginnt. Ich gehe gern in den Dolomiten Bergwandern. Deshalb weiß ich: „Nach jedem Aufstieg folgt ein Abstieg“, wie das Sprichwort lehrt.

Aber das eine ist ohne das andere nicht möglich, und so folgt nach der Anstrengung eine Zeit der Muße, bis ein neuer Aufbruch in unbekannte Gefilde des Lebens beginnt. Ich bin da guten Mutes und neugierig darauf, was mich alles erwartet und wie ich damit umgehen werde. Jeder Tag ist ein neuer Tag und bietet neue Möglichkeiten für mich selbst und im Miteinander mit anderen Menschen. Das muss jeder von uns immer wieder neu gestalten. Es wird nicht langweilig werden, dafür werden schon meine Enkel sorgen.

 

Auf Ihren Wunsch hin haben wir das Bild von Caspar David Friedrich „Wanderer über dem Nebelmeer“ aufgenommen. Was verbinden Sie mit diesem Gemälde?

 

Freiheit. Ich liebe die Berge. Wenn ich nach einem langen Anstieg an der Spitze des Berges angekommen bin, ist das wie eine Befreiung. Auf dem Gipfel des Felsens blickt man in die weite Landschaft. Man nimmt etwas mit von diesem Gefühl der Freiheit.

Benutzergruppen-Auswahl

Suche

Intranet-Login

Quick-Links

Allgemeine Funktionen

zurück | drucken | Seitenanfang