Jugend und Politik (24.06.09, Münster)

Welchen Stellenwert haben Jugendliche in der Politik? Das wollten die Studierenden von vier jungen Politikern aus dem Münsterland erfahren.

Im Rahmen des Seminars "Jugend und Politik" hatten die Studierenden die Podiumsdiskussion vorbereitet. Seminarleiterin Dr. Alice Neuhäuser (re.) begrüßte am Mittwoch zum "Highlight" des Seminars, der Podiumsdiskussion.

Daniel Bahr: "Politik muss man lernen!"

Robert von Olberg: "Es ist eine Bereicherung für die Politik, Experten von außerhalb hinzuzuziehen."

Josefine Paul diagostizierte "Kinderkrankheiten" des Bologna-Prozesses: "Wir müssen jetzt die Punkte angehen, die nicht funktionieren."

Jens Span pädierte, "nicht in Fundamental-Opposition zu den Abschlüssen zu gehen. Der richtige Mittelweg muss gefunden werden."

Podiumsdiskussion an der Katholischen Hochschule mit vier jungen Politikern

Dass Jugendliche sich mehr in das politische Geschehen einbringen sollen, ist ein Standardspruch von Politikern. Oftmals ist es für die jungen Menschen aber sehr schwer, sich politisch Gehör zu verschaffen. Welchen Stellenwert haben Jugendliche und junge Erwachsene in politischen Entscheidungsgremien?

Das wollten Studierende der Katholischen Hochschule Münster im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Mittwoch, 24. Juni, von jungen Politikern aus dem Münsterland erfahren. Den Fragen stellten sich Daniel Bahr MdB, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Robert von Olberg, Sprecher der Jusos Münster, Josefine Paul, Vorstand des Kreisverbands Bündnis 90/ Die Grünen Münster und Jens Spahn MdB, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Gesundheit.

Vorbereitet hatten die Studierenden die Veranstaltung im Rahmen des Seminars „Jugend und Politik“ unter der Leitung der Politikwissenschaftlerin Dr. Alice Neuhäuser. Auch die Moderation lag in den Händen der Studenten: René Herbers und Fabian Borghoff übernahmen diesen Part.

 

Politische Quereinsteiger: Belastung oder Bereicherung?

Wie wird man in Deutschland eigentlich Jungpolitiker? Muss es immer die Ochsentour durch die politischen Gremien sein oder haben Quereinsteiger in der Politik eine Chance? Werden diese als Belastung oder als Bereicherung im politischen Geschehen betrachtet? Das wollten die Studierenden von den Diskussionsteilnehmern erfahren. „Politik muss man lernen. Dafür gibt es keinen Ausbildungsberuf“, verwies Daniel Bahr auf die Probleme, mit denen „ungelernte“ Quereinsteiger konfrontiert werden. Wie verschaffe ich mir Informationen? Wie gehe ich mit Vertretern der Medien um? Für Neulinge liegen hier Fallstricke, waren sich die beiden Mitglieder des Bundestages einig.

„Ein System, dessen Logik und Mechanismen man kennen und verstehen muss“, so beurteilte auch Jens Spahn das politische Geschehen. Für Josefine Paul und Robert von Olberg, die Politik noch im Ehrenamt betreiben, stellen Experten von außen durchaus eine Bereicherung dar.

 

Machen Jugendparlamente Sinn?

Wie bewerten die Politiker die Rolle von Jugendparlamenten? Sind solche Gremien ein geeignetes Forum, in dem sich Jugendliche Gehör verschaffen können? Die Meinungen waren hier durchaus kontrovers: „Ich habe mich immer dagegen gewehrt, Pseudo-Gremien aufzubauen“, erklärte Jens Spahn. Die bessere Alternative ist es für ihn, wenn Jugendliche in den Parteien selbst vertreten sind. Für die Einrichtung von Jugendparlamenten und –räten, vergleichbar mit der Institution der Seniorenbeiräte, sprach sich Daniel Bahr aus. Hier könnten sich junge Erwachsene mit den Themen Gehör verschaffen, die ihren Alltag betreffen.

 

Bologna-Prozess in der Diskussion

Von großer Brisanz war die Frage, wie die vier Politiker die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge beurteilen. Bieten sich hier Chancen oder verschlechtern sich lediglich die Rahmenbedingungen? Einigkeit herrschte bei den Vertretern aller vier Parteien, dass die Grundidee richtig sei, mit der Einführung eines gestuften Studiensystems aus Bachelor und Master  Abschlüsse europaweit zu vereinheitlichen. „Aber an der Umsetzung hapert es extrem,“ so drückte es Robert von Olberg aus.

 

Der Freiheitsgedanke hat Kehrseiten

Daniel Bahr plädierte dafür, die durch die Reform geschaffenen zusätzlichen Möglichkeiten zu sehen: in einer kürzeren Studienzeit mehr Studierenden zu einem Abschluss zu verhelfen.

„Der Freiheitsgedanke, den Sie betonen, hat Kehrseiten“, wandte sich Hochschul-Dekan Prof. Dr. Hugo Mennemann an Daniel Bahr. „Ich halte ihre Argumentation für gefährlich, gerade wenn es um soziale Arbeit geht.“ Wenn in einem verkürzten Studium auch das Leistungsniveau reduziert werden müsse, könnte das eine Einladung an die Träger sozialer Einrichtungen sein, auch die Gehälter zu reduzieren. Die KatHO bemühe sich, das generalisierende Bachelor-Studium auf dem Leistungsniveau des Diplom-Studiums zu halten. Einig war man sich, dass eine Vergleichbarkeit der Bachelor-Abschlüsse kaum noch gegeben sei.

Nicht in Fundamental-Opposition zu den Abschlüssen zu gehen, mahnte Jens Spahn an. Der richtige Mittelweg müsse gefunden werden. Der Bologna-Prozess wird nicht umkehrbar sein. Hier waren sich die Diskussionsteilnehmer einig.

„Wir wollen das System konstruktiv mitformen“, betonte Prof. Mennemann: „Prozessschwierigkeiten können wir gestalten.“ Wesentlich sei allerdings ein Blick auf die Strukturen. Mit den strukturellen Folgen müsse sich die Politik befassen.

 

Raumschiff Berlin

Gibt es möglicherweise eine wachsende Entfremdung zwischen jungen Politikern und ihrer Klientel? Hat das „Raumschiff Berlin“ noch die Verbindung zur Basis? Auch solche Fragen wurden in der Diskussion angerissen und sie werden in der Auswertung der Veranstaltung weiter verfolgt.

 

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