
Sie leiteten die zweitägige Fachtagung: (v.l.) Heiner Hülsken (freiberuflich tätiger Fortbildner, Havixbeck) Prof. Dr. Heinrich Greving von der Katholischen Hochschule, Prof. Dr. Markus Dederich (TU Dortmund) und Professorin Dr. Sabine Schäper (Katholische Hochschule).

Heutige Unterstützungsarrangements für Menschen mit Behinderungen sind von Ambulantisierungsstrategien bestimmt. Wo bleiben in diesem Prozess Menschen mit herausforderndem Verhalten? Dieser Frage widmete sich das Werkstattgespräch im Februar 2009.

Welche Beratungsmöglichkeiten gibt es, wenn professionell Begleitende an ihre Grenzen stoßen und die Zusammenarbeit mit den Klienten gestört ist oder wenn Familien mit der Betreuung schwerbehinderter Angehöriger überfordert sind? Konsulenten können den Weg aus der Krise zeigen. Heinz Tietjen (Kompass – Institut für Konsulentenarbeit, Jülich) stellte in einem Workshop das in den Niederlanden weit verbreitete Konzept einer Beratung durch externe Experten vor.

Pantomime-Künstler Andreas Luckey spiegelte dem Plenum, was er als Beobachter gehört und gesehen hatte.
Wissenschaft und Praxis im Dialog – eine Fachtagung an der Katholischen Hochschule NRW Münster widmete sich der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten.
Ökonomisierung – dieses Schlagwort gilt auch für die sozialen Hilfesysteme in der Bundesrepublik. Längst wird auch von sozialen Einrichtungen und Diensten verlangt, mit Hilfe betriebswirtschaftlicher Methoden die Arbeitsabläufe zu organisieren und vor allem die „Fallkosten“ zu senken.
Galt die stationäre Betreuung für Menschen mit Behinderungen vor Jahren noch als der Königsweg – auch unter finanziellen Gesichtspunkten, so ist heute das Leben in der eigenen Wohnung mit ambulanter Betreuung (Assistenz) das Ziel. Wo bleiben in diesem Prozess Menschen mit geistiger Behinderung, die ihre Beziehungen zu Freunden, Mitbewohner, Betreuern und Angehörigen durch herausforderndes, beispielsweise aggressives oder sich selbst verletzendes Verhalten auf eine harte Probe stellen? Was brauchen diese Menschen für ein Leben außerhalb eines stationären Umfeldes? Und wie lässt sich sicherstellen, dass für diejenigen, die in stationären Einrichtungen zurückbleiben, noch lebbare Bedingungen herrschen?
Wissenschaft und Praxis im Dialog
Diese Fragen standen im Zentrum des Werkstatttreffens 2009 an der Katholischen Hochschule am 13. und 14. Februar 2009. Bereits zum fünften Mal fand diese zweitägige Fachtagung statt. Wissenschaft und Praxis in einen Dialog zu bringen, ist die Zielsetzung dieses intensiven Meinungsaustausches. Eingeladen hatten Professorin Dr. Sabine Schäper und Prof. Dr. Heinrich Greving von der Katholischen Hochschule, Heiner Hülsken (freiberuflich tätiger Fortbildner, Havixbeck) und Prof. Dr. Erwin Breitenbach (Humboldt-Universität Berlin).
Prof. Dr. Markus Dederich (TU Dortmund) machte in einem gemeinsamen Einstiegsimpuls mit Professorin Schäper auf die „Rückseite“ der Ökonomisierung aufmerksam. Dabei gelte es, auch die eigene Verführbarkeit für ökonomische Kalküle in den Blick zu nehmen und selbstkritisch auf die eigene Verstrickung zu achten – etwa wenn es darum geht, Forschungsgelder zu akquirieren: Welche Interessen stehen dabei jeweils im Vordergrund? Verschiedene thematische Foren standen im Mittelpunkt des Dialogs zwischen Wissenschaftlern und Fachkräften aus sozialen Einrichtungen.
Konsulentenarbeit gibt Hilfestellungen
Welche Beratungsmöglichkeiten gibt es, wenn professionell Begleitende an ihre Grenzen stoßen und die Zusammenarbeit mit den Klienten gestört ist oder wenn Familien mit der Betreuung schwerbehinderter Angehöriger überfordert sind – dieser Frage widmete sich ein Workshop. Konsulenten können den Weg aus der Krise zeigen. Heinz Tietjen (Kompass – Institut für Konsulentenarbeit, Jülich) stellte das in den Niederlanden weit verbreitete Konzept einer Beratung durch externe Experten vor. In Deutschland gibt es solch eine Institution bisher nur im Rheinland. Träger ist der dortige Landschaftsverband.
Festgefahrene Strukturen, Verhaltensmuster, gewohnte Abläufe zu analysieren und zu ändern, das ist die Aufgabe der von außen kommenden Berater (Konsulenten). Ziel ist es, einvernehmliche, umsetzbare Lösungen zu finden. „Das Machbare suchen“, erläuterte Tietjen. „Das Ergebnis kann Kostenersparnis sein. Aber wir machen das nicht, um Geld zu sparen“, räumte Tietjen Bedenken aus, dass der Konsulent zum Erfüllungsgehilfen des Rationalisierungsdrucks werde. Entscheidend sei es, die Situation zu verbessern und eine bessere Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Ein denkbares Modell auch für Westfalen, da waren sich die Beteiligten einig. Handeln, bevor tragfähige Beziehungen zusammenbrechen. Der Beratungsbedarf ist groß.
Eine Gratwanderung
Birgit Edler (Ambulante Dienste e.V. Münster) und Gerda Fockenbrock (Westfalenfleiß GmbH Münster) loteten in Ihrem Workshop die Chancen und Risiken des ambulant unterstützten Wohnens für Menschen mit einer geistigen Behinderung und herausforderndem Verhalten als eine permanente Gratwanderung aus. Sie zeigten aber auch, was bereits möglich ist.
Dorothee Kroos, Diplom-Sozialpädagogin und Mutter einer schwerstbehinderten Tochter, berichtete über ihre Erfahrungen mit der Beantragung eines trägerübergreifenden Persönlichen Budgets – eine Erfahrung, in der sich die Umsetzung eines geltenden Rechtsanspruchs als Spießrutenlaufen erweist, weil Behörden und Kostenträgern aufgrund der Unklarheit in der Umsetzung Anträge eher zurückweisen als gemeinsam mit Betroffenen nach der individuell besten Lösung zu suchen.
Fachkräfte brauchen Unterstützung
Das abschließende Plenum verdeutlichte Handlungsbedarf auf vielen Ebenen: Es gibt viele offene Forschungsfragen. Die Ausbildung an der Hochschule muss Fachkräfte besser auf die schwierige Aufgabe der Begleitung von Menschen mit herausforderndem Verhalten vorbereiten, sie brauchen aber auch in ihrem Berufsalltag Unterstützung: Raum für die Reflexion der eigenen Schwierigkeiten und Grenzen, aber auch Führungskräfte, die ihnen selbst Respekt und Anerkennung entgegen bringen. Gegen die Fallen und Verführungen der Ökonomisierung gilt es, die Grundhaltung der Solidarität in unserer Gesellschaft nicht aufzugeben – eine Anforderung, die in den „Systemzwängen“ in der beruflichen Praxis nicht leicht umzusetzen ist.