Eine Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit (13.02.09, Münster)

„Vita activa – Zeugnis geben im Handeln“ – unter diesem Motto stand das 19. Kontaktseminar vom 9. bis zum 13. Februar 2009 mit rund 50 Teilnehmern. Seit 1991 arbeiten jeweils im Februar Ordensleute, Mitglieder geistlicher Gemeinschaften, Lehrende, Studierende, Fachkräfte im pastoralen und sozialen Dienst zu einem ausgesuchten Thema.

Schwester Chiara Maria, Pater Erich Purk: Spiritualität der Arbeit nach Franz von Assisi

Ordensschwestern aus München und Karlsruhe

Arnold Voskamp (2.v.r.): Armut verfestigt sich in Deutschland.

Unterbrechung der Arbeit: Gebet und Gesang

Handeln nach Hannah Arendt: "Wir schlagen unseren Faden in ein Netz von Beziehungen."

In kleinen Arbeitsgruppen tauschten sich die Teilnehmer aus. Hier zeigten die Beispiele, wie in der praktischen Arbeit die Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft aussieht.

Michael Beschorner SJ, Daniel Peitz: Jesuit European Volunteers - Freiwilligendienst als Einsatz für Gerechtigkeit.

Ein Jahr anders leben heißt das Motto der "Jesuit European Volunteers".

Kontaktseminar an der KatHO Münster fragte nach dem Arbeitsverständnis in unserer Gesellschaft

„Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist. Das finde ich verhängnisvoll“, erklärte Prof. Dr. Andrea Tafferner, die Organisatorin des Kontaktseminars „Option für die Armen“ an der Katholischen Hochschule Münster.

 Armut trifft heute nicht nur Entwicklungsländer; sie ist in immer stärkerem Maße auch in Deutschland zu finden. Das zeigten die Berichte und Diskussionen im Rahmen des einwöchigen Seminars an der Hochschule. „Vita activa – Zeugnis geben im Handeln“ – unter diesem Motto stand das 19. Kontaktseminar vom 9. bis zum 13. Februar 2009 mit rund 50 Teilnehmern. Es widmete sich dem heutigen Verständnis von Arbeit und fragte nach Alternativen aus dem christlichen Glauben. Seit 1991 arbeiten jeweils im Februar Ordensleute, Mitglieder geistlicher Gemeinschaften, Lehrende, Studierende, Fachkräfte im pastoralen und sozialen Dienst zu einem ausgesuchten Thema. Das Kontaktseminar fragt sowohl nach spirituellen als auch nach professionellen Ansätzen, wie auf der Grundlage des Evangeliums die Option für die Armen gelebt werden kann.

 

Arbeit und Leben neu gestalten

 „In unserer modernen Gesellschaft ist die Erwerbsarbeit die Grundlage, den Lebensunterhalt zu sichern und soziale Anerkennung zu finden“, erläuterte Kapuziner-Pater und Wohnungslosenseelsorger Erich Purk OFMCap aus Münster. Welche Alternativen gibt es in einer Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit knapp wird?

Hermann Hölscheidt von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), Bezirksverband Recklinghausen, plädierte dafür, „Arbeit und Leben neu zu gestalten“. Die KAB möchte mit einer „Tätigkeitsgesellschaft“ und einem bedingungslosen Grundeinkommen ein tragfähiges Modell für eine gerechte Gesellschaft entwickeln.


„Es ist die Stabilisierung der Armut und der Versuch, Menschen als Fallziffern wegzuarbeiten“, so beschrieb Arnold Voskamp vom Cuba-Sozialbüro und Arbeitslosenberatung die Hartz-IV-Regelung. 6,4 Millionen Menschen leben in Deutschland von Hartz-IV. „Die Armut verfestigt sich in Deutschland. Und wir haben diese Armut angenommen“, schildert Voskamp die täglichen Erfahrungen.

 

Vom tägigen Leben

„Vita activa oder Vom tätigen Leben“ – das 1958 erschienene Buch der Philosophin Hannah Arendt hatte Pate für die Namensgebung des Seminars gestanden. Die Philosophin hatte in ihrer brillanten Studie das Verhältnis von Arbeit und moderner Welt analysiert und das Dilemma einer Gesellschaft vorhergesehen, die mit ihren Arbeitslosen nichts mehr anzufangen weiß. „Es ist Zeit, den Bereich, den Arendt als das Handeln, also die aktive Gestaltung der Gesellschaft bezeichnete, wieder vermehrt in den Blick zu nehmen“, zog Professorin Tafferner ein Resümee. Das würde auch die Anerkennung der Arbeit bedeuten, die keine Erwerbsarbeit ist.

 

Einsatz für Arme und Bedrängte

Das Kontaktseminar fragte auch danach, wie in der Spiritualität des Franz von Assisi und des Ignatius von Loyola Arbeit definiert und bewertet wird. „Ich habe den Eindruck, dass sich Ordens- und Kirchenleute heute von dem eigentlichen Auftrag entfernen, für die Menschen am Rande der Gesellschaft einzustehen. Das macht mir Sorge“, erklärte Bruder Christoph Gerenkamp, Mitarbeiter im Canisiushaus in Münster. Kirche müsse durch den Einsatz für die Bedrängten und Armen wieder positiv in Erscheinung treten.

 

Jesuit European Volunteers

Jesuiten-Pater Michael Beschorner aus Nürnberg stellte das Konzept der „Jesuit European Volunteers“ (JEV) als ein Beispiel für christlich fundierte Freiwilligenarbeit vor. „Ein Jahr anders leben“ heißt das Motto der Initiative für junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Die freiwilligen Helfer leben in kleinen Wohngemeinschaften und arbeiten mit Menschen am Rande der Gesellschaft. Der Student Daniel Peitz konnte seinen Zuhörern anschaulich vermitteln, welche Herausforderungen dabei in der Praxis zu meistern sind. Zwei Jahre war er im mexikanischen Tijuana, an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. „Die Menschen leben als Migranten am Schnittpunkt von reicher und armer Welt, heimatlos zwischen zwei Kulturen“, heißt es auf der JEV-Homepage. Das in einem Vorort von Tijuana gelegene Centro de Comunidad macht verschiedene Angebote als Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Arbeit, um dem Leben zu dienen

Intensive Gespräche und ein ungezwungener Erfahrungsaustausch fanden in den Kleingruppen statt. Hier zeigten die Beispiele, wie in der praktischen Arbeit die Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft aussieht. Die katholische Kirchengemeinde St. Heinrich in Kiel beispielsweise hat die Sorge um Obdachlose und Bedürftige als Schwerpunkt gesetzt und deckt täglich einen „Tisch der Nächstenliebe“. Sie bietet dreimal am Tag „Speise für Leib und Seele“. Hilfe, das kann auch einfach heißen, sich Zeit zu nehmen und den Menschen zuzuhören, ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken, weiß Schwester Erika Herzog, Erzieherin aus München.

Besuche vor Ort führten zu verschiedenen „Arbeitsstätten“ wie dem Clemenshospital, der Redaktion der Obdachlosenzeitschrift „Draußen“ sowie dem Klarissen<del></del>konvent: „Arbeiten heißt, tatkräftig Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in der wir leben“, heißt das Verständnis der Ordensschwestern. Sie arbeiten, „um dem Leben zu dienen“.

 

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