
„Dialogisches Treffen“: Professor Dr. Heinrich Greving von der KFH (links) und Martin Nolte, Abteilungsleiter von Haus Hall in Gescher, wollen voneinander lernen. „Intensive Situationen brauchen intensive Perspektivenwechsel.“

Hildegard Angenendt

Dirk Tritzschak, Anne Sand und Mitarbeiter (von links)

Drittes Werkstatt-Treffen: Wissenschaft und Praxis im Dialog - eine Kooperation zwischen dem Studiengang Heilpädagogik der KFH NW (Prof. Dr. Sabine Schäper und Prof. Dr. Heinrich Greving), der Fortbildungsabteilung der Kinderheilstätte Nordkirchen (Heiner Hülsken) und der Abteilung Rehabilitationspsychologie der Humboldt-Universität Berlin (Prof. Dr. Erwin Breitenbach)
Von Christoph Kirchhoff
Was brauchen Mitarbeitende in Einrichtungen, was brauchen Eltern und Angehörige, die Menschen mit Behinderungen in Grenzsituationen begleiten und betreuen? Mit dieser Frage beschäftigten sich Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft beim dritten Werkstatttreffen „Wissenschaft & Praxis im Dialog“ am 23. und 24. Februar in der Kolpingbildungsstätte Coesfeld.
Eingeladen hatten Prof. Dr. Sabine Schäper und Prof. Dr. Heinrich Greving. Begonnen hatte die Idee eines solchen Dialogs zu Fragen der Betreuung von Menschen mit Behinderungen, die einen besonderen Hilfebedarf aufgrund von Verhaltensschwierigkeiten haben, mit einem ersten „Werkstatttreffen“ in der Kinderheilstätte Nordkirchen, einer von noch wenigen Einrichtungen, die für solche Menschen ein Intensivbetreuungsangebot vorhalten. Der Studiengang Heilpädagogik hat die Federführung für das Werkstattreffen für das dritte Treffen übernommen und damit die begonnene gute Tradition des Werkstattreffens in Kooperation mit Heiner Hülsken, Leiter der Fortbildungabteilung der Kinderheilstätte Nordkirchen, und Professor Dr. Erwin Breitenbach (Professor für Rehabilitationspsychologie an der Humboldt-Universität Berlin) fortgeführt – das vierte Werkstattreffen im kommenden Jahr zeichnet sich ab.
Besonderes Augenmerk lag am ersten Tag auf der Begleitung und Beratung der Mitarbeitenden in Einrichtungen sowie der Eltern und Angehörigen von Menschen mit Behinderung. 25 Expertinnen und Experten aus ganz Deutschland berichteten über ihre Erfahrungen und stellten ihre Modellprojekte vor.
Mit ihrem Impulsvortrag führte Hildegard Angenendt, Supervisorin in Haus Hall in Gescher, in die Thematik des Treffens ein. Als Mitarbeiterin der Abteilung „Entwicklungen unterstützen, Lebens(T)Räume eröffnen“ (EULE) sorge sie durch Teamsupervisionen für „gute Beziehungen“ unter den Mitarbeitenden, die wiederum eine wichtige Voraussetzung für eine gute Betreuung der Menschen in Intensivgruppen sei. Für Anne Sand von der Stiftung Neuerkerode im Braunschweiger Raum sind schnelle Situationsanalyse, Besonnenheit im Handeln, Kontrolle der eigenen Emotionen, Empathie aber auch Durchsetzungsvermögen hochanspruchsvolle Fähigkeiten, die die Betreuungsarbeit in Intensivgruppen den Mitarbeitenden abverlange. In täglichen Teamberatungen werden mit den Mitarbeitenden Handlungsalternativen erarbeitet, um eine qualitätsvolle Weiterarbeit auch in angespannten Gruppensituationen zu ermöglichen. Auch Dirk Tritzschak von der Niederramstädter Diakonie in Südhessen hält eine gute Teamberatung durch externe Supervisoren für unbedingt notwendig.
Frau Prof.’in Dr. Iris Beck vom Institut Behindertenpädagogik der Uni Hamburg eröffnete den zweiten Tag mit der Frage, welche Bedeutung soziale Netzwerke für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen haben. Der „Sozialraum“, in dem Menschen leben, wurde so als wichtige ergänzende Ressource für die Begleitung sichtbar. Auf welche Bezüge und Beziehungen im sozialen Nahbereich und darüber hinaus kann jede und jeder von uns eigentlich anknüpfen, wenn es etwa um Hilfen beim Umzug geht oder um Unterstützung bei einer kürzeren oder auch länger andauernden Erkrankung? Diese simple Frage nach dem sozialen Netzwerk der TeilnehmerInnen machte die Bedeutung und die Grenzen von Netzwerken sehr deutlich. Die soziale Unterstützung gilt in der Belastungsbewältigungsforschung als zentraler Faktor, der über Chancen zu Bewältigung von Krisen entscheidet. Zur Frage, wie denn soziale Netzwerke gestärkt und gefördert werden können, schilderte Daniel Franz das Modell von „Unterstützerkreisen“ von Menschen mit Behinderungen, die sie selbst aus all denen „bestücken“ können, die für ihre Alltags- und Lebensgestaltung wichtig sind. Die „Profis“ sind dabei auch bei Menschen, die stationär betreut werden, bei weitem nicht immer die Maßgeblichen. Dies einzugestehen, schützt vor Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung zugleich.
Für die Bearbeitung der extremen Belastungsfaktoren, die Mütter in der Betreuung von Kindern mit schwersten Behinderungen erleben, bieten die Diplom-Psychologinnen Margret Schmechel und Hiltrud Luthe in der Kinderheilstätte Nordkirchen eine Müttergruppe an, in der all das zu Sprache kommen und zum Ausdruck gebracht werden kann, was im Alltag des Zusammenlebens mit einem behinderten Kind zu kurz kommt. Schmerzvolle Erfahrungen, Ängste und Gefühle haben hier genauso ihren Platz wie die Entlastung von der unentrinnbaren Sorge um das Kind und die Erfahrung geteilter Freude über kleine Fortschritte und das, was bei aller Einschränkung möglich ist und bleibt.
„Diagnosen sind Werkzeuge, sonst nichts!“ Mit dieser These begann Dr. Bert Beims aus dem Neurologischen Reha-Zentrum für Kinder und Jugendliche in Bremen seinen Bericht über die dortige Angehörigenarbeit. In der Frührehabilitation von Kindern und Jugendlichen etwa, die aufgrund von Schädel-Hirn-Verletzungen im Zustand des Wachkomas leben, geht es darum, die Eltern in der ganz kleinschrittigen Anbahnung und Gestaltung von Beziehung und Kommunikation nach dem Trauma eines Unfalls und schwerster Verletzungen sowohl ernst zunehmen wie auch zu ermutigen. Die immer kürzer werdenden Reha-Zeiten erfordern es auch hier, in der langfristigen Begleitung immer mehr auf soziale Netzwerke im Umfeld zurückzugreifen, etwa Lehrer in der Schule am Wohnort der Kinder mit ihren Fragen an Lehrer zu vermitteln die in ähnlichen Fällen gute Ideen und Formen von Unterstützung im Einzelfall gefunden und gestaltet haben.
Christiane Schuler schließlich berichtete von der Arbeit des bundesweit vertretenen Netzwerkes „Bunter Kreis“, das differenzierte Hilfen für Eltern in Ankoppelung an Frühgeborenenstationen und Kinderstationen in Kliniken anbietet. Gesprächsangebote sind dabei ebenso wichtig wie praktische Hilfen für die Alltagsbewältigung und die Vermittlung an Hilfesysteme im unmittelbaren Umfeld der Betroffenen. Da diese Hilfe nur zum Teil über die medizinische Nachsorge refinanzierbar ist, ist sie auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Immerhin – so die Bemerkung von Vertretern aus der Behindertenhilfe – gibt es in diesem medizinischen Randbereich noch Finanzierungsmöglichkeiten aus dem Gesundheitssystem. In der Eingliederungshilfe gibt es eine verlässliche Finanzierung für die Begleitung von Angehörigen in dem beschriebenen Sinne nicht – die Frühförderung und familienunterstützende Dienste richten sich an die behinderten Kinder selbst. Hier kann man selbst von refinanzierter Nachsorge als „Tropfen auf den heißen Stein“ nur träumen.
Ein wichtiges Signal der Tagung geht daher – so Prof.’in Dr. Sabine Schäper in der abschließenden Auswertung – dahin, Netzwerke der Experten weiter zu entwickeln und zu pflegen. Die Wichtigkeit und Wirksamkeit der Beratung und Begleitung von Mitarbeitenden und Angehörigen gilt es deutlicher auch nach außen transparent zu machen, damit die Kostenreduzierungen im System nicht zu noch größeren Belastungen bei Mitarbeitenden und zu noch massiverer Individualisierung der Not von Familien und zu Verschärfung von Isolation führen.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Sabine Schäper
Das nächste Werkstattreffen findet statt vom 22. bis 23. Feburar 2008. Es beschäftigt sich mit dem Thema „BEZIEHUNGEN AN DER GRENZE" und beinhaltet verschiedene Aspekte des Umgangs mit Situationen von Gewalt und Grenzverletzungen, des Umgangs mit eigenen Grenzen, mit von außen gesetzten Grenzen, mit Traumatisierungen und Reinszenierungen u.a.