„Der Einblick in Eure Programme der Sozialen Arbeit und die Diskussion darüber mit Euch wird meine berufliche Zukunft prägen,“ sagte Rawan Sbihe, eine von 16 Studierenden der Universität Bethlehem, die in Begleitung von sechs Dozenten ihrer Hochschule zu einem zehntägigen Austausch an die Katholische Hochschule in Köln gekommen war.
„Service Learning and Critical Thinking“ war das Thema des vom DAAD geförderten Austauschtreffens mit Praxisbesuchen und begleitender Seminarreflexion. „Die Studierenden sollen ihre Praxiserfahrungen kritisch reflektieren lernen und ihr späteres professionelles Arbeiten aus Theorien und wissenschaftlich begründeten Konzepten herleiten können“, erläutert die aus Bethlehem stammende Lehrbeauftragte der KatHO Dr. Eman Abu Sada, die dieses Projekt initiierte. Zwölf beteiligte Dozenten beider Hochschulen diskutierten und erprobten in einer parallel angebotenen Fortbildung hochschuldidaktische Methoden zum Ansatz des Service Learning and critical thinking, die Karsten Altenschmidt von UNI Aktiv der Universität Duisburg / Essen – einem Kooperationspartner dieses Austausches - leitete.
Der aus den USA stammende Ansatz des Service Learning and Critical thinking geht davon aus, dass Hochschulen die Praxisprojekte ihrer Studierenden mit Lehrveranstaltungen spezifischer Hochschuldidaktik begleiten, die eine gezielte theoretische und konzeptionelle Reflexion der Praxiserfahrung durch kritisches Denken ermöglichen. Der interkulturelle Austausch im Anschluss an die mehrtägigen gemeinsamen Praxisaufenthalte deutscher und palästinensischer Studierender in Einrichtungen für psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, in einem Zentrum der Jugendhilfe und einer Anlaufstelle für drogenabhängige Menschen sowie einer Einrichtung für wohnungslose Menschen regte dieses kritische Denken besonders an: „Die palästinensischen Studenten stellen Fragen, die wir Deutsche oft nicht stellen“, erläutert der deutsche Projektleiter Prof. Freise. „Sie fragen beispielsweise, warum die Familien nicht stärker bei der Begleitung psychisch kranker Menschen eingebunden werden.“
Über die Seminare hinaus wurden die palästinensischen Studentinnen und Studenten mit kulturellen Unterschieden konfrontiert und lernten unterschiedliche Lebenskonzepte in der stärker individualistisch organisierten deutschen Gesellschaft kennen, was zu Fragen führte wie: „Warum wohnst Du mit Deinem Freund zusammen, obwohl ihr nicht verheiratet seid?“ Intensive Diskussionen über die deutsche Geschichte und Identität gab es im Anschluss an das Public Viewing der Fußballweltmeisterschaft: „Wieso steht ihr bei der deutschen Nationalhymne nicht auf und singt mit?“
Ziel des dreijährigen Austauschprojekts ist es, gemeinsame Lehrveranstaltungen zur akademischen Praxisreflexion in der Sozialen Arbeit nach dem Ansatz des Service Learning in beiden Hochschulen curricular zu verankern. Die neue Leiterin des Department of Social Sciences Nabila Daquaq lud die deutsche Begegnungsgruppe zum Gegenbesuch im September nach Bethlehem ein. Dort soll auch überlegt werden, wie neben den alljährlichen Begegnungen in Köln und Bethlehem kontinuierlich kooperative Seminare mit gemeinsamen Videokonferenzen zu Service Learning and Critical Thinking durchgeführt werden können.
Redaktion und Information: Prof. Dr. Josef Freise