Migration stellt ein beredtes Zeugnis der sozialen, ökonomischen und demographischen Ungleichgewichte sowohl auf regionaler als auch auf weltweiter Ebene dar. Die internationalen Migrationen sind als eine wichtige strukturelle Komponente der gesellschaftlichen und politischen Realität der gegenwärtigen Welt zu sehen. Darüber hinaus stellen sie den Christinnen und Christen neue Aufgaben der Evangelisieriung und der Solidarität; es geht um die Herausforderung, den Übergang von monokulturellen zu multikulturellen Gesellschaften zu gestalten. Schließlich gilt es eine Pastoral zu fördern, die für neue Entwicklungen in unseren pastoralen Strukturen offen ist.
Rund acht Prozent der in Deutschland lebenden katholisch Getauften weist derzeit einen Migrationshintergrund auf; die Tendenz ist steigend. Diese Situation bringt eine Reihe von Herausforderungen mit sich. Menschen aller Muttersprachen haben als Getaufte und Gefirmte gleiche Rechte und gleiche Pflichten - so das Recht auf gute pastorale und katechetische Begleitung, auf Beheimatung im kirchlichen Umfeld der jeweiligen Ortskirche und auf gleichberechtigte Partizipation in der jeweiligen Gemeinde. Für die Pfarrer und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet das, diese Menschen mit ihrer Lebensgeschichte, ihren je eigenen Wünschen und Fähigkeiten, ihren evtl. Sprachschwierigkeiten und Lebensproblemen an- und aufzunehmen und ihnen realistische Partizipationsmöglichkeiten in der Glaubensgemeinschaft vor Ort zu ermöglichen.
Mit diesen Fragestellungen beschäftigte sich der Fachbereich Theologie am diesjährigen Studientag zum Thema "Fremd sein. Theologische Perspektiven - praktische Folgerungen". Als Hauptreferentinnen konnten drei Wissenschaftlerinnen gewonnen werden, die dem Scalarbrini Säkularinstitut angehören und im Studienzentrum für Migrationsfragen in Basel, am Scalabrini International Migration Instittute in Rom sowie an der Universität in Mailand arbeiten: Luisa Deponti, Dr. Anna Fumagalli und Dr. Agnes Varsalona. Sie entfalteten die geopolitischen, ökonomischen, anthropologischen und theologischen Perspektiven des Phänomens der MIgration: "Es geht um unsere Welt, um die Entwicklung eines neuen Lebensstils", und um die Wahrnehmung von "Chancen, die in der Vielfalt liegen", so Dr. Fumagalli.
Was dies für die Praxis bedeutet, wurde in unterschiedlichen Workshops bedacht und anhand bereits existierender beispielhafter Modelle vorgestellt: Die Hauptreferentinnen berichteten aus ihrer Praxis in Rom, u.a. von der Arbeit des vom Säkularinstitut getragenen Polyambulatoriums, das sich der Gesundheitsfürsorge für illegal nach Rom Eingereiste widmet. Unter dem Titel "Fremd im Sozialraum" stellte Heribert Krane vom Caritasverband für das Erzbistum Paderborn "Konzepte, Modelle und Chancen für die Integration von Migrantinnen und Migranten" vor. Frank Schäffer, Hauptabteilung Pastorale Dienste im Generalvikariat Paderborn, Dr. Krysztof Romanowski, Leiter der Polnischen Katholischen Mission Bielefeld und Slavko Rako, Leiter der Kroatischen Mission Bielefeld gingen der Frage "Muttersprachliche Gemeinden - noch zeitgemäß?" nach. Ideen für die Bibelarbeit stellte Prof. Dr. Rainer Dillmann vor: "Du sollst den Fremden lieben, denn er ist ein Mensch wie Du" (Lev 19,34).
Nach einer angeregten Podiumsdiskussion der Referentinnen mit Kollegen des Fachbereichs schloss der Studientag mit Gedanken von Prof. Dillmann über das Anderssein, das Fremdsein Gottes, der sich "mit den Ausgestoßenen, den Verlassenen und den Fremden fest in dieser Welt verankert hat".