
Auf großes Interesse stieß der zweitägige Erfahrungstausch und das gemeinsame Studium an der Abteilung Münster.

Sie sorgen dafür, dass das Tandem rollt: Studiengangsleiterin Prof. Dr. Renate Zwicker-Pelzer (li.), die Leitungen vor Ort Rainer Fritz in Freiburg (2. v. re.) und Norbert Wilbertz (re.) in Münster sowie die Mentoren Michael Pfennig, Ute Kieslich und Hanna Neufang.

Dekan Prof. Dr. Hugo Mennemann bot den Studierenden eine "Beheimatung des Studiengangs an der KatHO Münster an."

Professorin Zwicker-Pelzer: "Beratung gewinnt immer deutlicher an akademisch relevantem und praxisbezogenem Profil."

Domvikar Stefan Sühling war am Samstag eigens zur Begrüßung gekommen: "Sie geben der Kirche das Gesicht des helfenden Gesprächs."

Prof. Dr. Rolf Jox: Dürfen Sozialarbeiter und -pädagogen überhaupt beraten?

Prof. Dr. Rita Paß widmete sich am Samstagvormittag den Themen Migration und Bikulturalität in der EFL-Beratung. Ihre Ausführungen wurden mit großem Interesse aufgenommen.
2. Fachtagung Master of Counseling EFL in der Abteilung Münster
Rund 65 Studierende und Lehrende trafen sich am 12. und 13. März 2010 zur zweiten Fachtagung Master of Counseling EFL in der Abteilung Münster der KatHO NRW. Der bundesweit einzige Masterstudiengang „Ehe-, Familien- und Lebensberatung“ setzt die Tradition des hochwertigen und gleichnamigen Weiterbildungsangebots der Bistümer als akademisches Angebot erweitert fort. Angesiedelt ist der postgraduale Studiengang an den Standorten Münster und Freiburg. 2008 startete das Projekt, das Theologen, Sozialarbeiter und -pädagogen, Psychologen, Juristen, Pastoralreferenten oder Soziologen zum Ehe-, Familien- und Lebensberater mit Masterabschluss qualifiziert.
Die Studiengangsleiterin Professorin Dr. Renate Zwicker-Pelzer ist dafür verantwortlich, „dass das Tandem aus Weiterbildung und akademischem Studium rollt“, wie sie es selbst ausdrückt. Die tragenden Säulen vor Ort sind in Münster der Theologe und Psychologe Norbert Wilbertz und in Freiburg der Psychologe Rainer Fritz. „Beratung gewinnt immer deutlicher an akademisch relevantem und praxisbezogenem Profil“, strich Renate Zwicker-Pelzer die Relevanz des Studiums heraus. Die Ehe-, Familien- und Lebensberatung gehört heute zu den am stärksten nachgefragten Beratungsdiensten.
Die Hälfte des vierjährigen Studiums haben die Studierenden inzwischen absolviert. „Wie könnte das Finale aussehen? Die ersten Studierenden werfen bereits einen Blick auf den Abschluss und das Thema ihrer Master-Thesis“, skizzierte Prof. Zwicker-Pelzer. Die Möglichkeit des zweitägigen Austauschs in Münster stieß bei den Studierenden auf großes Interesse.
Ein Zuhause an der Abteilung Münster
„Ich möchte Ihnen eine Beheimatung des Studiengangs in der KatHO Münster anbieten“, begrüßte Dekan Prof. Dr. Hugo Mennemann am Freitag die Tagungsteilnehmer. Den Prozess der Akademisierung, „das Spannungsfeld von Weiterbildung und Studium“, wertete der Dekan als interessante Herausforderung. Der Bereich der Familie stehe im Kern der Sozialen Arbeit. „Der heutige Prozess der Individualisierung spiegelt sich auch in der Familie. Klassische Normen und Rollenmuster greifen nicht mehr“, so Mennemann. Dies könne einerseits eine Chance sein, in Freiheit Verantwortung zu übernehmen, beinhalte aber auch eine enorme Gefahr. Auf diese Herausforderung müsse auch Soziale Arbeit reagieren. „Das ist ein Prozess, in dem Unterstützungsleistungen, wie Sie sie erbringen, sehr wichtig sind.“
„Durch Ihren Dienst geben Sie der Kirche ein Gesicht: das Gesicht des helfenden Gesprächs“, bedankte sich Domvikar Stefan Sühling in seiner Begrüßung für das Engagement der künftigen Berater.
Den eigenen Horizont erweitern, den Blick schärfen und neue Erkenntnisse gewinnen – fragt man EFL-Studierende nach ihrer Motivation, sich noch einmal weiterzuqualifizieren, so tauchen diese Stichworte immer wieder auf. „Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen, gerne auch in der Ehe- und Paarberatung“, erklärte Diözesanrichter Dr. Hermann Kahler. Das Studium biete hier ein großes Wissens-Spektrum. „Es weitet auch den Horizont für meine Tätigkeit am Kirchengericht,“ erläuterte Kahler. Beispielsweise stärke es die Dialogfähigkeit. Die Kommunikation mit Sachverständigen wie z. B. Psychologen falle leichter, der Umgang mit Gutachten werde kompetenter. Er stellte eine „gute Verzahnung“ fest: „Ich kann aus jedem Bereich für den anderen schöpfen.“ Die Ausbildung habe einen sehr guten Ruf, hat Kahler in Gesprächen erfahren: „Sie ist sehr gründlich und praxisbezogen.“
Hubertus Mayer arbeitet als Gefängnis-Seelsorger. Warum er sich für das Studium in Freiburg entschieden hat? Weiterbildung, ein neuer Blick und die Klärung der eigenen Rolle sind seine Stichworte. Das Wissen aus dem Studium sei auch in seinem Beruf hilfreich, beispielsweise in der Gesprächsführung. Mayer wertet es als eine Bereicherung, im Rahmen des Studiums Menschen aus anderen Berufen zu erleben, die eine große Bandbreite an Erfahrungen und Hintergründen mitbringen.
Jasna Hebben hat Sozialarbeit an der KFH Münster studiert und arbeitet zur Zeit als Honorarkraft in ihrem Beruf. Nach der Familienphase möchte sie noch einmal durchstarten und hat sich für das Studium entschieden. Nach ihren beruflichen Zukunftsaussichten gefragt, ist sie durchaus „optimistisch“.
Familien- und Kirchenrecht
Der erste Tag der Fachtagung war rechtlichen Fragen gewidmet. Haben Sozialarbeiter und -pädagogen überhaupt die Befugnis zur Beratung? Unter dieser Fragestellung führte Prof. Dr. Rolf Jox in das SGB VIII (Sozialgesetzbuch, Achtes Buch) – Kinder- und Jugendhilfe - ein. „Wenn Kinder im Spiel sind, haben Sie mit SGB VIII zu tun“, erläuterte der Jurist.
Grundlage für die Beratung ist heute das Rechtsdienstleistungsgesetz (Gesetz über außergerichtliche Rechtsdienstleistungen, RDG). Es regelt seit dem 1. Juli 2008 in Deutschland die Befugnis, außergerichtliche Rechtsdienstleistungen zu erbringen. Eine beratende Tätigkeit wird „in den meisten Fällen für Sie kein Problem sein, da Sie sich im Kontext von Wohlfahrtsverbänden, Behörden oder Körperschaften des öffentlichen Rechts bewegen“, erklärte Jox.
Der Jurist erläuterte, wie das SGB VIII im Rechtssystem steht – insbesondere im Verhältnis zum SGB II – Hartz IV: „Sie sollten das Thema im Blick haben. Wenn Sie Auskunft geben, sollte diese korrekt sein.“ Weiterhin ging er auf ausgewählte, in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung relevante Fragen ein.
Dr. Hermann Kahler, der selbst am EFL-Studium teilnimmt, ist Theologe und Kirchenrechtler und arbeitet als Diözesanrichter am Kirchengericht Münster. Sein Referat widmete sich der Bedeutung kirchenrechtlicher Fragen in der EFL. Unabdingbar sei für die künftigen Berater ein präzises Verständnis vom kirchlichen Begriff der Ehe und vom kirchlichen Eherecht.
Notwendig sei dieses Wissen nicht nur in der konkreten Beratung, Kahler wollte auch Zerrbilder korrigieren. Er warf einen Blick auf die Historie der Theologie und erläuterte, wie sich das Eheverständnis der Kirche entwickelt und gewandelt hat. „Wir leben in einer Umbruchsituation auch in Hinblick auf das kirchliche Eheverständnis“, erläuterte der Referent. Im Bewusstsein der Menschen seien allerdings vielfach noch überlieferte Bilder tradiert, die heute nicht mehr gültig sind.
Migration und Bikulturalität
Der zweite Tag widmete sich dem Modul „Beratung von Menschen in besonderen Lebenslagen“. Professorin Dr. Rita Paß fragte nach der Relevanz von Migration und Bikulturalität in der EFL-Beratung. „EFL steht ja nicht im luftleeren Raum. Eine gute Beratung funktioniert nur, wenn man die Grundlagen geklärt hat“, so die Professorin. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Rund 15 Prozent der Menschen, die heute in Deutschland leben, haben eine Migrationsvorgeschichte. „Migration ist normal“, hob Paß hervor. Wie geht die Gesellschaft mit diesen Menschen um? Wie wird über Migranten diskutiert und geforscht? Hier gelte es, dem Klischee einer homogenen Gruppe von „Ausländern“ entgegen zu treten. Auch die Forschung habe lange Zeit mit ihrem Blick die Trennung in einen Normalfall (Inländer) und den Sonderfall (Ausländer) stabilisiert. Diese Sichtweise reproduziere lediglich Stereotypen. Rita Paß stellte eine Untersuchung von unterschiedlichen Migranten-Milieus in Deutschland aus dem Jahre 2008 vor. „Migranten sind eine heterogene Gruppe“, lautet die Schlussfolgerung.
Im zweiten Part widmete sich die Referentin dem Thema Bikulturalität in der EFL-Beratung. Bikulturalität kann als Konflikt oder Identitätskonzept, „etwas Neues“ zu entwickeln, erlebt werden. In der Auseinandersetzung mit zwei Kulturen könne die Vielfalt als Bereicherung empfunden werden.
Die Lebens- und Problemlagen von Ratsuchenden in der Beratung werden immer unübersichtlicher und komplexer. Rita Paß präsentierte ein Modell des Ehe-, Familien- und Lebensberaters Christoph Hutter, das sich für ein szenisches Verstehen ausspricht. Es unterscheidet sechs Dimensionen der Szene, die der Berater im Blick haben sollte.
Auf traumatherapeutische Aspekte in der EFL-Beratung ging im Abschluss-Vortrag die Diplom-Psychologin Jutta Bücker-Scholz (EFL Bistum Münster) ein.
Der Ausblick der Studiengangsleiterin Prof. Zwicker-Pelzer richtete sich auf die 3. Fachtagung 2011 in Freiburg. Schwerpunkt ist dort das Thema Führen und Leiten in der Beratung.