Sich über starre Grenzen hinwegsetzen (06.03.10, Münster)

Jeweils im Februar treffen sich Ordensleute, Mitglieder geistlicher Gemeinschaften, Lehrende, Studierende, Fachkräfte im pastoralen und sozialen Dienst zu einem ausgesuchten Thema.

Wie kann auf der Grundlage des Evangeliums die Option für die Armen gelebt werden? Der Austausch mit Gleichgesinnten gibt Kraft für die Begleitung von Menschen in Notlagen.

Beratung in der Gruppe. Die Besuche bei Familien in Armut haben betroffen gemacht.

Bruder Christoph: Welche Eindrücke halten wir von den Besuchen am Vormittag fest?

Ein Tanz vor dem Einstieg in das Programm des Nachmittags.

Pater Erich Purk (Mitte): "Christus identifiziert sich mit den Kindern." Über die UN-Kinderrechtskonvention informierte Professorin Dr. Andrea Tafferner und Sven Kwiasowski, Sozialarbeiter der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Blaukreuzwäldchen“ in Münster-Angelmodde, stellte die Arbeit der Institution vor.

Unterbrechung der Arbeit mit einem Lied.

Über das Projekt „Frühstück zusammen“ (Früz) berichtete die ehrenamtliche Leiterin, Adelgund Schmitz. Beeindruckt von deren Elan waren auch die Mitorganisatoren des Kontaktseminars Bernd Mülbrecht und Pater Erich Purk.

Schwester Elrike: Voller Einsatz für ein gutes Foto!

Wohnungslosigkeit und Kinderarmut in Irland: Alexander Senk berichtete über sein Praxissemester.

20. Kontaktseminar „Option für die Armen“ stellte das Thema Kinderarmut in den Mittelpunkt.

„Wir haben Menschen kennen gelernt, die sich für Kinder und Jugendliche engagieren: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, für die ihr Beruf wirklich eine Berufung ist, und Ehrenamtliche mit echtem Interesse am Menschen. Sie haben den Blick geöffnet und ihren Weg gefunden, sich innerhalb der Arbeit nicht nur in den starren Grenzen der Hilfesysteme zu bewegen“, sagte Professorin Dr. Andrea Tafferner während des Kontaktseminars „Option für die Armen“. Das Seminar an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster, stellte in diesem Jahr das Thema „Kinder in Armut“ in den Mittelpunkt.

Die Zahl der Kinder, die in Deutschland in Armut leben, ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Kinder aus einkommensarmen Familien sind einer Vielzahl von Benachteiligungen ausgesetzt, die ihre Entwicklung und ihre Gesundheit gefährden. Rund 40 Seminarteilnehmer trafen sich vom 8. bis zum 12. Februar 2010, um eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und nach Lösungswegen zu suchen. Es war das 20. Kontaktseminar an der KatHO Münster. 1991 wurde es von der Professorin Ursula Adams ins Leben gerufen. Die Seminarteilnehmer gedachten der Initiatorin, die am 13. Dezember 2009 gestorben ist.

Jeweils im Februar treffen sich Ordensleute, Mitglieder geistlicher Gemeinschaften, Lehrende, Studierende, Fachkräfte im pastoralen und sozialen Dienst zu einem ausgesuchten Thema. Das Seminar unter der Leitung von Andrea Tafferner, Pater Erich Purk und dem Leiter des Hauses der Wohnungslosenhilfe Bernd Mülbrecht fragt sowohl nach spirituellen als auch nach professionellen Ansätzen, wie auf der Grundlage des Evangeliums die Option für die Armen gelebt werden kann. Im Mittelpunkt stehen der Austausch, die fachliche Weiterbildung und die gemeinsame Reflexion: Bruder Christoph schrieb in der Rückschau auf die Veranstaltung: „Das Seminar hat mir sehr gut gefallen, weil die Fachlichkeit und der Austausch untereinander eine gelungene Kombination sind. (...) Der Austausch mit Gleichgesinnten hat mir viel Kraft gegeben für die Begleitung von Menschen in Notlagen in meinem Alltag.“

Familien in Armut

Bewegende Eindrücke brachten die Teilnehmer aus den Besuchen bei drei Familien mit, die in Armut leben. Trotz des Wissens um die Not in einem reichen Land wie der Bundesrepublik machte der Blick auf den konkreten Einzelfall betroffen und verdeutlichte die Schwachpunkte in unserem Sozialsystem. „Ein sensibles Thema, das bewegt“, so drückte eine Gruppe ihre Empfindungen aus. Trotz materieller Armut erlebten die Besucher aber auch eine großzügige Gastfreundschaft, Offenherzigkeit und einen starken Familienzusammenhalt.

Ein Herz für Menschen

Beeindruckt war die Gruppe, die das Familienzentrum an der Killingstraße in Münster-Kinderhaus besucht hatte. Die Leiterin vereine Fachlichkeit und Herzlichkeit. „Sie hat ein Herz für die Menschen. Sie lebt für die Kinder und die Menschen in diesem Stadtteil“, berichtete Schwester Franca Chiara. Alle Mitarbeiter seien hochmotiviert und ihr Engagement  gehe über die normale berufliche Tätigkeit hinaus.

65 Kinder aus 25 Nationen besuchen zur Zeit das Familienzentrum. „Mit den Besonderheiten der Nationalitäten wird respektvoll umgegangen“, berichtete die Gruppe. In der Tagesstätte werden die Kinder individuell betreut, die Mitarbeiter reagieren auf Nöte und Bedürfnisse. Eine gute Zusammenarbeit gebe es mit anderen Berufsgruppen.

Kinder lernen, wieder Kind sein zu dürfen

Den „Heilpädagogischen Hort“ – eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung des Caritasverbands für die Stadt Münster - hatte eine weitere Seminar-Gruppe besucht. Diese Einrichtung bietet die Tagesbetreuung für Kinder an, die durch problematische Familienverhältnisse oder andere schwierige Lebensumstände verhaltensauffällig, psychosomatisch erkrankt oder in ihrer Entwicklung gestört sind. Von großer Bedeutung ist die Arbeit mit den Eltern, um positive Veränderungen im familiären Umfeld des Kindes zu bewirken.

Die Studentin Nina Färber zeigte sich beeindruckt von den verschiedenen therapeutischen Angeboten und der familiären Atmosphäre. Jedes Kind werde als eigenständiges Individuum anerkannt. „Ich habe vieles aus dem Studium wiedererkannt“, berichtete sie. Der Hort sei „ein Ort, wo Kinder wieder lernen, Kind sein zu dürfen.“

Sven Kwiasowski, Sozialarbeiter der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Blaukreuzwäldchen“ in Münster-Angelmodde, stellte die Arbeit der Institution und die Betreuung von Jugendlichen in stationären Wohngruppen vor. Hier werden Jugendliche betreut, die teilweise traumatisiert sind und extreme Erfahrungen gemacht haben.

Vielfältige Freizeitangebote beispielsweise im Bereich des Sports sollen dazu beitragen, dass sie ein Stück Normalität erleben und Sozialverhalten lernen.

Die Jugendlichen sollen selbständig werden und in die Familie oder die Eigenständigkeit entlassen werden, heißt das Ziel der Einrichtung. Kwiasowski verwies auf ein Problem: „Wenn die Jugendlichen mit 18 oder 19 Jahren aus der Jugendhilfe entlassen werden, sollte  das tragfähig gelingen. Allerdings gibt es keine Alltagspädagogik und nur eine geringe Betreuung für Jugendliche, die weiterhin Bedarf hätten.“ Die Gefahr des Abrutschens sei hoch. Er verwies auf die strukturelle Schwäche von Wohngruppen, die schließlich „ein künstliches Konstrukt und kein alltägliches Leben“ sind.

Frühstück zusammen

Über das Projekt „Frühstück zusammen“ (Früz) berichtete die ehrenamtliche Leiterin,  Adelgund Schmitz. Auslöser der Initiative waren Beobachtungen im münsterschen Stadtteil Kinderhaus, dass viele Kinder ohne Frühstück zur Schule gehen und auch das Pausenbrot schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Das kostenlose Frühstücksangebot vor der Schule sollte Abhilfe schaffen. Momentan ist Früz an sechs Schulen in Münster vertreten, eine Ausweitung an andere Schulen ist geplant. Pro Standort werden täglich rund 20 bis 25 Kinder versorgt. Zielsetzung war es, den Kindern ein gesundes vielfältiges Frühstück anzubieten, in einer Atmosphäre, die die Alltagshektik vergessen lässt. Von Beginn an war klar, dass Früz nicht als Armutsprojekt stigmatisiert werden durfte, betont wurde das Gemeinschaftsgefühl bei einem gemütlichen Essen. Feste Abläufe und Regeln helfen dabei, den Kindern eine Idee von gutem und gemütlichem Essen vorzuleben, die sie selbst einmal umsetzen sollen.

Die Finanzierung erfolgt ausschließlich über Spenden. „Das läuft viel besser, als wir gedacht hatten“, so die Leiterin. Man habe bewusst auf den Einsatz öffentlicher Mittel verzichtet, um flexibler agieren zu können. Einmal wöchentlich werden die angeforderten Lebensmittel zentral eingekauft und verteilt. Ehrenamtliche Helfer – meist Senioren – übernehmen die Betreuung des Services an den Schulen.

Kinderarmut und Obdachlosigkeit in Irland

Sein Praxissemester verbrachte Alexander Senk von Juli bis Januar 2010 in Irland. Er arbeitete in der Simon Community in Cork, einer Einrichtung, die Menschen betreut, die von Obdachlosigkeit betroffen sind beziehungsweise waren oder von ihr bedroht sind. Die hohe Arbeitslosigkeit in Irland (2009 bei 16 Prozent) stürzt vor allem junge Menschen und junge Familien in die Krise. Für die jungen Menschen heißt das ein Leben am Rand der Existenz, häufig verbunden mit psychischen Problemen und dem Risiko der Obdachlosigkeit. 76.000 irische Kinder leben in ständiger materieller Armut. Mit der materiellen Armut geht häufig die körperliche und mentale Armut einher.

Senk verwies in diesem Zusammenhang auf die Fälle des Kindesmissbrauchs durch Angehörige der irischen Katholischen Kirche, ein Thema, das erst allmählich an die Öffentlichkeit gerät. „Durch die Aufklärung und die Aussagen von Betroffenen wird deutlich, dass diese Kinder nicht nur körperliche schwerstwiegende Verletzungen davon getragen haben, sondern ein Leben lang an Armut leiden. Armut im materiellen Sinne, da sich viele nicht mehr auf ein Leben in der Gesellschaft einlassen können und auf der Straße landen, und vor allem mentale Armut“, führte der Student aus. „Viele der Opfer sind in meinem Klientenkreis gewesen und nicht mehr in der Lage, ein normales Leben in der Gesellschaft zu führen.“

Diese entsetzlichen Tatsachen empfanden die Seminarteilnehmer umso bedrückender, als gerade die Kirche für die Rechte der Kinder eintreten sollte. Die UN-Kinderrechtskonvention und die hohe Wertschätzung von Kindern im Evangelium bildeten den roten Faden durch die Woche. „Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“ (Mt 10,14)

 

Benutzergruppen-Auswahl

Suche

Intranet-Login

Quick-Links

Allgemeine Funktionen

zurück | drucken | Seitenanfang