
Magdalena Stemmer-Lück (3. v. li.) im Gespräch mit mongolischen Dozenten (v.l.): Ojundhand Schagdar, Batbataar Monkhooroi, Tumennast Gelenkhuu und Gombo Sanjaa.
Acht Jahre lang hat Professorin Dr. Magdalena Stemmer-Lück von der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster, den Aufbau des Studiengangs Soziale Arbeit an der Mongolischen Nationaluniversität (NUM) als Projektleiterin begleitet. Der DAAD förderte diese „Fachbezogene Partnerschaft mit Hochschulen in Entwicklungsländern“. Angesiedelt wurde der neu einzurichtende Studiengang an der soziologischen Abteilung der Universität in Ulan Bator. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es die Profession Soziale Arbeit in der Mongolei nicht gegeben.
Kommen wir damit bereits auf eine der größten Herausforderungen dieses Vorhabens zu sprechen Frau Prof. Stemmer-Lück?
MSL: Ja. Den Aufbau des Studiengangs übernahmen Dozenten der Soziologie. Dabei bestand die doppelte Herausforderung darin, dass die Dozenten lernen mussten, was Sozialarbeit ist und das Fach gleichzeitig unterrichten sollten.
Welche Ziele sollen realisiert werden?
MSL: In der ersten Projektphase von 2001 bis 2004 erfolgte die Curriculumentwicklung des Bachelor-Studiengangs und die Fortbildung des Lehrkörpers. Daran schloss sich in den Jahren 2006 bis 2009 der Aufbau eines Masterstudiengangs an mit Spezialisierung auf bestimmte Zielgruppen, insbesondere die Soziale Arbeit mit psychisch kranken Menschen und Menschen mit Behinderung.
Für die Mongolen war das Kooperationsprojekt die erste Erfahrung mit einer anderen Kultur außer der russischen. „Wir wussten damals nicht, was wir nicht wussten“, sagte der Dozent Munkhbat Orolmaa bei der abschließenden Bewertung des Projekts. Gilt das auch für diejenigen, die von Seiten der KatHO das Projekt begleitet haben?
MSL: Für mich bestimmt. Wir mussten alle bei Null anfangen.
Wie erfolgte die Schwerpunktsetzung, die Ausformung des Studiengangs? Man kann einem Land ja nicht ein System überstülpen, mag es sich bei uns auch bewährt haben.
MSL: Der Studiengang musste auf die Gegebenheiten des Landes zugeschnitten sein. Wir haben immer wieder betont, dass es sich um einen interaktiven Prozess handelt. Wir machen Angebote, stellen Wissen und Material zur Verfügung, daraus können die Mongolen etwas auswählen. Diese gewachsene Kooperation wurde von ihnen als einzigartig und sehr positiv bewertet. Für sie war es auch völlig ungewohnt, gefragt zu werden. In den vorherigen hierarchischen Strukturen wurde ihnen stets gesagt, was sie zu tun hatten.
Wie stellt sich der geschichtliche und sozialstrukturelle Hintergrund in der Mongolei dar? Auf welche Probleme muss die Soziale Arbeit reagieren?
MSL: Seit 1989 befindet sich die Mongolei in einem Transformationsprozess, in dem sich das ehemals sozialistische System langsam zu einem demokratisch und nach Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft geführten Rechtsstaat wandelt. Überall zeigt sich nun die Notwendigkeit für individuelle, selbstverantwortete unternehmerische Initiative – eine Entwicklung, die vor dem Hintergrund eher hierarchisch-kollektiver Handlungs- und Versorgungsmuster in der Vergangenheit zu schwierigen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen führt. Zu diesen Veränderungsprozessen gehören die tiefgreifenden, oft existenziellen Einbrüche in die traditionellen, nomadischen Lebens- und Sichtweisen. Der Verlust wirtschaftlicher Sicherheit verlangt ein radikales Umdenken, das viele Nomaden überfordert. Landflucht ist die Folge, sehr viele geben das Nomadenleben und die Viehhaltung auf und ziehen in die Hauptstadt Ulan Bator, wo sie mit einem völlig anderen Leben konfrontiert werden, für das sie keinerlei Erfahrungen und Lebensstrategien mitbringen.
Welche Folgen hat dieser voranschreitende Migrationsprozess?
MSL: Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Besonders betroffene soziale Gruppen sind Familien mit geringem Viehbestand, Arbeitslose, alte Menschen, Behinderte, kinderreiche Familien und alleinstehende Mütter. Vor allen in den Städten sind die Folgen Suchterkrankungen, eine hohe Selbstmordrate, Kriminalität oder auch eine steigende Zahl von Straßenkindern. Ein weiterer Hinweis für die Folgen des Transformationsprozesses ist die ansteigende Zahl psychisch kranker Menschen. Zu den psychischen Störungen gehören insbesondere Alkoholismus, Depression, psychovegetative Störungen infolge von sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Zerfall der Familien und Gewalt. Die Zahl der Menschen mit Behinderung wächst.
Die mongolische Gesellschaft sieht sich also mit massiven psychosozialen Problemlagen konfrontiert, auf die Antworten gefunden werden müssen.
MSL: Ja, und zwar sowohl im Bereich der Sozialpolitik wie der Sozialen Arbeit – und zwar in konzeptioneller, struktureller und personeller Hinsicht. Trägerorganisationen müssen aufgebaut werden und Personal für die professionelle staatliche und private Soziale Arbeit muss ausgebildet werden.
Curriculare Ausbildungsvorgaben für das Studium Soziale Arbeit mussten ebenso entwickelt werden wie fachliche, universitätsgebundene Begleit- und Fortbildungskonzepte. Vorrangig ging es hier um die professionelle Vernetzung - einerseits in der konkreten fallbezogenen Sozialen Arbeit, andererseits mit den Planungs- und Entscheidungsträgern aus Sozialpolitik und Sozialverwaltung.
Kann man das Fazit ziehen, dass eine Soziale Arbeit aufgebaut wurde, die auf die Herausforderungen des Landes reagieren kann?
MSL: Das im Rahmen des Projektes vermittelte Wissen wurde zunächst primär kopiert, im weiteren Verlauf ist jedoch die Übertragung auf die mongolische Situation (weitestgehend) gelungen, so dass es jetzt eine eigene mongolische Soziale Arbeit gibt. Eine spezifische mongolische Aufgabe ist die Sozialarbeit mit Migranten, da dieses Land noch über eine aktive nomadische Gesellschaftsstruktur verfügt. Unter Migranten versteht man Nomaden, die vom Land in die Stadt ziehen.
Wie sah die Kooperation konkret aus?
MSL: In der Zeit von 2000 bis 2009 fanden insgesamt 41 gegenseitige Besuche statt. Vier deutsche Studierende machten in der Mongolei ein Praktikum, drei mongolische Studentinnen besuchten die KatHO. Deutsche und mongolische Kollegen hielten Vorträge, und an der NUM fanden fünf Workshops statt. Wir besuchten Praxiseinrichtungen in Münster und Ulan Bator. Regelmäßig wurden Fortbildungen für den mongolischen Lehrkörper und Seminar-Besuche an der KatHO organisiert. Die mongolische Fachbibliothek konnte erheblich erweitert werden. Das sind nur einige der vielfältigen Maßnahmen
Im Verlaufe der gesamten Projektzeit haben 140 Studierende den Bachelor-Abschluss erreicht und 5 Studierende den Masterabschluss. Ist das eine gute Bilanz?
MSL: Das ist eine sehr gute Bilanz. Nach erfolgtem Hochschulabschluss arbeiten 50 % der Bachelor-Absolventen im Bereich der Sozialen Arbeit, 42 % in anderen Bereichen, beispielsweise in der Schule oder in der Privatwirtschaft, einige gehen ins Ausland, 8 % studieren weiter. Mit diesen Ergebnissen ist die NUM in der Mongolei führend.
Die gelungene Verknüpfung von Theorie und Praxis in der Curriculumentwicklung wird sowohl von den mongolischen Dozenten als auch von den Studierenden als Gewinn gewertet.
MSL: Die Einbeziehung von Praktikern gehörte zuvor nicht zur Tradition der Lehre, die sehr theorieorientiert war. Nun lernen die Wissenschaftler die Bedürfnisse der Praktiker kennen und erfahren, welches Wissen zu vermitteln ist. Auch die Vernetzung der Hochschule mit sozialen Organisationen, staatlichen und nichtstaatlichen, konnte angestoßen werden.
Drei mongolische Studentinnen haben an der KFH studiert. Ihre Reaktionen sind sehr positiv.
MSL: Eine Studentin, die 2003 an der KFH studiert hat, bezeichnet ihren damaligen Aufenthalt als prägend für sie persönlich und sogar prägend für die Sozialarbeit in der Mongolei. Sie arbeitet heute als Leiterin einer Universität und unterrichtet in der Abteilung Social Sciences Soziale Arbeit. Hatte sie zuvor allenfalls eine vage Vorstellung vom Wesen der Sozialarbeit, so erhielt sie durch unsere Lehrveranstaltungen und die Praxisbesuche ein klares Bild von dem, was Soziale Arbeit leisten kann. Auch sie hebt entschieden die Theorie-Praxis-Verknüpfung hervor. Besonders beeindruckt hat sie, dass die Hochschullehrer ihre Studierenden zu selbständigem Denken, zur eigenständigen Lösungsfindung und Teamarbeit anregten. Viele der didaktischen Methoden und Inhalte hat sie in ihren eigenen Unterricht übernommen.
Übereinstimmend wurde hervorgehoben, dass sich die Didaktik in der Lehre sehr verändert hat.
MSL: Vor der Kooperation wurde nur frontal unterrichtet. Durch die Teilnahme an unterschiedlichen Seminaren und Übungen in Münster wie auch durch die gemeinsam durchgeführten Workshops in Ulan Bator haben die Dozierenden neue Formen der Vermittlung kennengelernt und in die eigene Lehre übernommen. Sie arbeiten jetzt mit dem Beamer, regen Gruppendiskussion und Gruppenarbeit an. Der Projektleiter Tumennast Gelenkhuu wurde von den Studierenden zum besten Dozenten des Jahres gewählt, weil er lebendig und anschaulich unterrichtet. Auch der Umgang zwischen Studierenden und Dozierenden ist wesentlich offener geworden. Da die Strukturen an der mongolischen Universität sehr hierarchisch sind, war der Kontakt mit den Studierenden zuvor sehr distanziert, dem Frontalunterricht entsprechend. Neu für die mongolischen Kollegen war die Einrichtung von Sprechstunden für die Studierenden.
Die Teamarbeit innerhalb des mongolischen Kollegiums hat sich durch das Kooperationsprojekt in Richtung mehr Kommunikation, Transparenz und Abstimmung verbessert. Konkrete Teamarbeit war für die mongolischen Kollegen ein Novum. Isolierte Einzelarbeit in hierarchischen, nomadischen und kommunistischen Strukturen entspricht mehr der mongolischen Mentalität.
Konnten die kulturell, aber auch individuell bedingten Differenzen und Probleme im Laufe des Projektes verringert werden?
MSL: Beide Seiten haben sich aneinander angepasst. Es gab eine zunehmende Vertrautheit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Die Mongolen haben zunehmend mehr Zeiten und Absprachen eingehalten und die Deutschen haben sich mehr an die mongolische Spontaneität (für Deutsche mangelnde Planung und Organisation) angepasst, was das Kooperationsleben dann erleichtert hat.
Kann man von einem Gewinn für deutsche Dozierende sprechen?
MSL: In der Konfrontation mit dem Fremden werden die eigenen Konzepte klarer, dies trägt zur Profilbildung und Kompetenzbereicherung bei. Die notwendige Vereinfachung in der Vermittlung und Kommunikation erfordert eine Präzisierung.
Durch die Gegenüberstellung der deutschen und mongolischen sozialen Systeme wurde den Deutschen die Bedingungen und Ressourcen in Deutschland klarer. Das eigene System wird viel positiver empfunden. Profitiert haben wir auch von der Begegnung mit der mongolischen Kultur. Die am Projekt Beteiligten lernten einen lockeren Umgang mit der Zeit und Situationen spontan zu gestalten.
Hochschulpolitisch ist es von großem Nutzen, völlig andere Sichtweisen über ähnliche Phänomene kennenzulernen. Das relativiert die eigene Sichtweise und beeinflusst die Lehre.
Was nehmen die Studenten mit, die die soziale Praxis in der Mongolei erlebt haben?
MSL. Zunächst muss man festhalten, dass die deutschen Studierenden in der Mongolei sehr auf sich alleine gestellt waren. Als größter Gewinn stellten sie die Fremdheitserfahrung heraus. Durch das Erleben einer völlig fremden Kultur konnte der eigene Ethnozentrismus grundsätzlich reduziert werden. Als völlig fremd wurde außer dem „sich nicht um den Anderen kümmern“ das fehlende vorausschauende Planen erlebt. Ein weiterer Aspekt war die fehlende Sprachbeherrschung. Dies erweiterte generell das Einfühlungsvermögen für Migranten, die nach Deutschland kommen und sich in einer für sie fremden Welten verloren fühlen. Durch die erlebte Fremdheit hat sich auch der Blick auf die eigene Kultur verändert. Prinzipien wie Partizipation, Normalisierung, Empowerment, Integration, Bürgerrechte, Demokratieverständnis werden nach dem Aufenthalt mehr wertgeschätzt.
Acht Jahre sind eine lange Zeit. Wie haben Sie ihre Tätigkeit erlebt? Was bedeutet Ihnen dieses Projekt und die Erfahrungen, die Sie im Laufe der Jahre mit den Menschen und der Arbeit gemacht haben?
MSL: Es war eine Herausforderung, die Teil meines Lebens geworden ist. Ich habe ein Gefühlschaos durch alle Gefühlswelten von Ablehnung bis Freude erlebt. Es war eine Belastung und eine Bereicherung. Ich habe Fremdheit und die Konfrontation mit einem rauen Alltag erfahren. Es ist aber auch eine Bereicherung, wenn man im Laufe der Jahre in einer fremden Welt ein Zuhause findet. Ich kenne Ulan Bator heute wie meine Westentasche.
Ohne Ulrich Borchert, mit dem ich fünf Mal gemeinsam in die Mongolei gereist bin, hätte ich es nicht geschafft. Er ist der Fachmann für Soziale Arbeit, somit sind die Inhalte der Sozialen Arbeit in der Mongolei entscheidend durch ihn mitgeprägt. Im Jahr 2006 begleitete mich der Heilpädagoge Prof. Dr. Heinrich Greving nach Ulan Bator für die Entwicklung des Curriculums Soziale Arbeit mit behinderten Menschen.
Werden die Kontakte bestehen bleiben?
MSL: Ich gehe davon aus, dass an die Kooperation in der ein oder anderen Form angeknüpft wird. Der mongolische Projektleiter, Tumennast Gelenkhuu, plant zum Wintersemester 2010/11 nach Münster zu kommen, um an der KatHO seinen Masterabschluss in Sozialer Arbeit zu machen.