
Fünf Abschlussarbeiten wurden im Rahmen der Examensfeier ausgezeichnet. Johannes Klix (li.) war einer der Preisträger.

Auch Sandra Volpers erhielt einen Preis für ihre Diplomarbeit.
Ein Interview mit zwei Absolventen der Diplom-Studiengänge Soziale Arbeit und Heilpädagogik
Im Rahmen der Abschlussfeier der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster, in der Halle Münsterland wurden fünf Absolventen der Studiengänge Soziale Arbeit und Heilpädagogik mit dem Preis der Darlehenskasse Münster (DKM) ausgezeichnet. Der Preis im Gesamtwert von 2000 Euro wird für die besten Abschlussarbeiten vergeben.
Wir sprachen mit den beiden Diplomanden Sandra Volpers (Heilpädagogik) und Johannes Klix (Soziale Arbeit), deren Arbeiten ausgezeichnet wurden.
Frau Volpers, ihre Studien trägt den Titel: „Das Apallische Syndrom - Von einem Phänomen und der Bedeutung für die Heilpädagogik“. Kaum jemand wird wissen, was das Apallische Syndrom ist. Wie sind Sie auf das Thema ihrer Arbeit gekommen und womit beschäftigt sie sich?
Sandra Volpers: Als Apallisches Syndrom bezeichnen Mediziner das Wachkoma. Vor meinem Studium habe ich ein Jahr lang als Pflegekraft für Menschen im Wachkoma gearbeitet. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und viele Fragen aufgeworfen, für deren Beantwortung ich mir in meiner Diplomarbeit Zeit genommen habe.
Das Apallische Syndrom ist eine besondere Lebensform von Menschen nach einer schweren Hirnschädigung. Es gibt viele unterschiedliche Meinungen, ob und in welchem Maße Wachkoma-Patienten in der Lage sind, sich und ihre Umwelt wahrzunehmen. Bei der Betreuung der Betroffenen besteht die Gefahr, dass sie vor allem als Patienten zwischen Pflege und Medizin wahrgenommen werden und somit der Gedanke der medizinischen Rehabilitation vorrangig ist und ihren Alltag bestimmt. Das führt dazu, dass sie oftmals vor allem versorgt und be-handelt, aber nicht angemessen im Hier und Jetzt begleitet werden.
Geht man jedoch davon aus, dass Menschen im Apallischen Syndrom einzigartige, handlungsfähige Individuen sind, die sich entwickeln, wahrnehmen und kommunizieren, haben sie das Recht auf diese Begleitung.
Die Ausgangsfrage meiner Arbeit war daher, ob die heilpädagogische Begleitung neben Pflege, Medizin und Therapie die professionelle Begleitung von Menschen im Apallischen Syndrom ergänzen kann und wie sie tätig werden kann.
Herr Klix, ihre Diplomarbeit mit dem Titel „Die pädagogischen Anteile der Sozialen Arbeit anhand ihrer Vorgeschichte: Versuch einer historischen Rekonstruktion durch ausgewählte Beispiele (Paul Natorp, John Dewey, Theodor Litt)“ klingt hochtheoretisch. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden und womit befasst sich ihre Studie?
Johannes Klix: Ursprünglich spielte ich mit dem Gedanken, über Abhängigkeitserkrankungen und deren Auswirkungen auf Familien zu schreiben – zu diesem Themengebiet hatte ich mir im Verlauf des Studiums einen Zugang erarbeitet.
Das Hauptstudium macht neben Konzepten auch verstärkt mit Theorien Sozialer Arbeit vertraut und so wurde mein Interesse geweckt, theoretische Zugänge Sozialer Arbeit auch in meiner Diplomarbeit zu vertiefen. Die Diplomarbeit hebt die pädagogischen Aspekte der Sozialen Arbeit hervor und ist um eine differenzierte Betrachtung der Gemeinschaft als Medium von Erziehung oder übergreifender Sozialisation im weitesten Sinne bemüht. Der Gemeinschaftsbegriff umschreibt hier nicht eine Verbindung von Gleichen unter Gleichen, vielmehr gleichen sich in diesem Verständnis die Menschen in ihrer Verschiedenheit. Die Fähigkeit, sich Unbekanntem zu nähern und auf Neues einzulassen - also vielleicht anfänglich verunsichernde Vielfältigkeit produktiv zu wenden - wird als eine Eigenschaft von Persönlichkeiten aufgeworfen. Eine wichtige oder die Aufgabe Sozialer Arbeit könnte in Folge der Diplomarbeit heißen, an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gemeinschaft zu fungieren, dort zu versöhnen und beiden ihr Recht einzuräumen.
Kann man ein Fazit aus ihrer Arbeit ziehen, das auch für die Praxis von Bedeutung ist?
Sandra Volpers: Das hoffe ich, denn ich habe versucht zu begründen, warum die Heilpädagogik auch in der Begleitung von Menschen im Apallischen Syndrom tätig werden muss. Neben der sehr wichtigen Parteinahme und Verteidigung des unantastbaren Rechts auf Leben der Betroffenen, sollte man auch über Maßnahmen nachdenken, die ihre Lebensqualität verbessern.
Johannes Klix: Da es sich um eine theoretische Arbeit handelt, sind meines Erachtens ihre Ergebnisse für die sozialarbeiterische Praxis nur mittelbar von Bedeutung. Die Studie entwickelt kein Handwerkszeug und einen Bauplan, wie ich als Sozialarbeiter Menschen bei der Bewältigung ihrer Lebensführungsprobleme unterstützen kann. Sie kann jedoch dabei helfen, das Überdenken sozialarbeiterischer Praxis, also die Reflexion von Konzepten und Methoden, zu ordnen. Zudem können theoretische Arbeiten Studenten um die Kenntnis einer möglichst eigenen Identität ihres Studienfachs bereichern. Damit möchte ich darauf hinweisen, dass Soziale Arbeit mehr ist als ein sich aus mehreren Bezugswissenschaften zusammensetzender Ekletizismus.
Wie ging es nach dem Abschluss weiter?
Sandra Volpers: Zwei Wochen nach meinem Kolloqium reiste ich nach Uganda, um dort freiwillig in der Mukisa Foundation zu arbeiten. Das ist ein Frühförderzentrum und eine Begegnungsstätte für Familien mit Kindern mit Behinderung.
Jetzt bin ich wieder zurück in Münster, schreibe fleißig Bewerbungen und nutze die Zeit für den fachlichen Austausch mit verschiedenen Einrichtungen, die Menschen im Apallischen Syndrom begleiten.
Johannes Klix: Ich habe nach meinem Abschluss eine Zeit lang in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung nahe Berlin gearbeitet. Heute studiere ich in Bielefeld Erziehungswissenschaften und darf noch ein wenig weiter lernen.
Haben sie weiterreichende Pläne?
Johannes Klix: Zur Zeit beziehen sich diese vorzugsweise auf mein Studium in Bielefeld, wo ich im letzten Semester angekommen bin und mich mit den Strukturen vertraut gemacht habe.
Wie haben Sie ihr Studium an der KatHO empfunden? Waren Sie mit der Begleitung der Dozenten einverstanden?
Sandra Volpers: Ich bin sehr zufrieden mit dem Studium und der Begleitung durch die Dozenten. Ich mag es sehr, dass an der KatHO alles in einem kleineren, schon fast familiärem Rahmen abläuft. Anders als viele meiner Freunde, die an der Uni studiert haben, hatte ich nie das Gefühl, in der Masse unterzugehen, den Überblick zu verlieren oder nur die Hälfte aller wichtigen Informationen zu erhalten. Das ist im Zuge der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem für uns Diplomstudierende leider etwas verloren gegangen. Auch wenn alle Beteiligten sehr bemüht waren, das Chaos gering zu halten – ich hatte das Gefühl, dass bei all den Dingen, die neu zu organisieren waren, unser Semester häufiger vergessen wurde. Das war anstrengend und schade. Insgesamt bin ich aber dennoch zufrieden mit der Begleitung während meines Studiums und möchte an dieser Stelle vor allem Frau Schäper für die sehr gute Betreuung während der Diplomarbeit danken.
Johannes Klix: Mir hat das Studium in Münster viele Chancen und Möglichkeiten geboten. Sowohl die heterogene Zusammensetzung der Studierenden wie auch das Engagement der Dozenten schufen ein Klima, in dem ich viel lernte. An der KatHO studiert nicht nur der gerade frisch von der Schule kommende Abiturient X neben der Studentin Y mit einem ähnlichen Lebensweg. Hier studiert auch die Einzelhandelskauffrau, die auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt hat, neben dem Fachoberschulabsolventen. Das kann für viele horizonterweiternd wirken und zur Aneignung dessen animieren, das ich lebenspraktische Bildung nennen würde. Die Aufmerksamkeit der Dozenten gegenüber den Interessen und der Neugier der Studierenden – wie beispielsweise beim Anfertigen meiner Diplomarbeit – war für mich immer etwas ganz Besonderes, für das ich sehr dankbar bin.
Hat sich durch Ihr Studium die Sichtweise über den Beruf des Sozialarbeiters/Heilpädagogen verändert?
Sandra Volpers: Meines Erachtens besteht die Hälfte des Heilpädagogikstudiums darin, sich bewusst zu machen, was Heilpädagogik überhaupt ist, kann und soll. Im Verlauf meines Studiums hat sich mein Bild über den Beruf des Heilpädagogen also immer wieder verändert und neugebildet.
Johannes Klix: Selbstverständlich sind die Studieninhalte nicht spurlos an mir vorübergezogen.
Sie sind der letzte Jahrgang, der das Studium mit einem Diplom abschließt. Wie beurteilen Sie die Umstellung auf das dreijährige Bachelor-Studium, die für viel Diskussionsstoff gesorgt hat. Sehen Sie hier eher Chancen oder einen Qualitätsverlust? Oder nehmen Sie die Sache pragmatisch, wie es Prof. Dr. Hugo Mennemann auf der Abschlussfeier ausgedrückt hat: „Der Bachelor ist anders, nicht mehr und nicht weniger.“
Sandra Volpers: Ich habe ja schon gesagt, dass ich die Umstellung etwas holprig fand.
Johannes Klix: Leider oder vielleicht auch zum Glück fehlt mir da ein selbsterfahrener Vergleich. Ich denke tiefgreifende Veränderungen brauchen immer eine gewisse Zeit, bis sie angenommen werden können und gerade dieser Zeitraum bietet die Möglichkeit, notwendige Korrekturen vorzunehmen. Nachdenklich stimmt mich jedoch, dass es heute scheinbar kaum noch Innovationen im Bildungssektor gibt, die Entwicklungsräume oder anders: Bildungsmoratorien schützen. Der Fortschritt scheint unvermeidlich mit einem Verlust an Zeit verknüpft zu sein - auch der Zeit, den Fortschritt oder die individuelle Entwicklung überhaupt vollziehen zu können. Neue Erkenntnisse wird man gewinnen nach Rückmeldungen der Betroffenen, anhand derer die Umstellung des Studiengangs evaluiert wird.
Wir beurteilen Sie im nachhinein ihr Studium an der KatHO Münster? Fühlen Sie sich für den Beruf/das Leben gerüstet?
Johannes Klix: Rückblickend auf das erste, gerade zurückliegende Jahr nach dem Studium kann ich das nur bejahen.