Mission possible! (25.01.10, Münster)

Sie hatten den Blick über die eigenen Theorien und Vorstellungen hinaus gerichtet und waren in den Dialog getreten. In ihrer gemeinsamen Antrittsvorlesung stellten die Sabine Ader, Barbara Ortland und Eva Christina Stuckstätte ihre Fallbetrachtungen aus sozial- und (heil-)pädagogischer Perspektive vor.

Professorin Dr. Sabine Ader: "Der Fall ist mehr als eine Biographie oder ein Klientensystem!"

Professorin Dr. Barbara Ortland: "Entscheidend erscheint mir für Pädagoginnen und Pädagogen, dass sie sich als Mehrfachbehindernde oder als mehrfach behindernd Könnende erkennen und somit die Verantwortung für behindernde Prozesse mit übernehmen."

Professorin Dr. Eva Christina Stuckstätte: "Der sozialräumliche Blick bietet einen Gewinn für Feld und Fall."

Dekan Prof. Dr. Hugo Mennemann freute sich nicht nur über die Verjüngung des Lehrkörpers, sondern auch über die bereichernde Zusammenarbeit von sozialer Arbeit und Heilpädagogik.

Gemeinsame Antrittsvorlesung plädiert für interdisziplinäre Zusammenarbeit

„Grau ist alle Theorie. Wissenschaft braucht Vielfalt und Dialog.“ Mit diesem Statement endete die gemeinsame Antrittsvorlesung der Professorinnen Dr. Sabine Ader, Dr. Barbara Ortland und Dr. Eva Christina Stuckstätte. Sie hatten den Blick über die eigenen Theorien und Vorstellungen hinaus gerichtet und waren in den Dialog getreten. Ein „spannender Prozess“, sagten die Wissenschaftlerinnen.

„Mission impossible?“ hatten sie ihr gemeinsames Vorhaben überschrieben, sich dem Fall der fiktiven Familie Krüger aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Fragestellungen zu nähern. Die Fallbetrachtungen aus sozial- und (heil-)pädagogischer Perspektive fragten auch nach den interdisziplinären Konsequenzen. „Damit wollten wir ein Signal setzen und Möglichkeiten für die Zusammenarbeit in Lehre, Forschung und Praxis aufzeigen“, erklärten die Dozentinnen. Als bereichernd bezeichneten sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die mit anregenden und spannenden Diskussionen das Kennenlernen der jeweils anderen wissenschaftlichen Herangehensweise ermöglichte.

 

Fallverstehen und sozialpädagogische Diagnostik

„Verstehen, was los ist“, hatte Sabine Ader ihren Vortrag überschrieben, der sich mit dem Fallverstehen beziehungsweise der sozialpädagogischen Diagnostik befasste. „Eine Debatte, die wieder einmal Konjunktur hat“, erklärte sie. Sie warf einen Blick auf fachliche Bewertungsprozesse sowie auf den Diskurs um die „richtigen“ Konzepte und beleuchtete Prüfkriterien, denen diese aus einer konsequent sozialpädagogischen Perspektive standhalten müssen.

Die Qualität fachlicher Beurteilungen (Diagnosen) ist unzureichend, führte Dr. Ader aus: In Fallakten dominieren lange Beschreibungen fehlerhaften Verhaltens, weniger üblich seien gut begründete, zentrale Hypothesen zu einem Fall, basierend auf einer breiten, dialogisch orientierten Recherche. Der Verfahrensschritt von einer Beschreibung zur fachlichen Bewertung werde in den wenigsten Konzepten systematisch entwickelt. Bewertungsprozesse würden meist auf den Adressaten verkürzt. „Aber der Fall ist mehr als eine Biographie oder ein Klientensystem", führte sie am Beispiel der Jugendhilfe aus und verwies auf die Bedeutung der institutionellen Seite der Fallbearbeitung. „Haben die eine gemeinsame Idee von dem Fall?“ Eigenlogiken professionellen Handelns und institutionelle Zusammenhänge wirken und sind somit Teil des Falles, der verstanden werden muss. Die sozialpädagogische Diagnose müsse Biographie, Lebens- und Familiengeschichte verstehen, aber ebenso die Risikofaktoren institutionellen Handelns sowie die Beziehungs- und Interaktionsdynamiken in den Blick nehmen. Diese können mächtige Wirkung entfalten, wenn sie unreflektiert bleiben.

In diesem breiter angelegten Fallverständnis dürfe die Frage nicht heißen: Diagnose oder Dialog? Die Antwort müsse lauten Diagnose und Dialog.

 

(Heil-)pädagogische Enthinderungspotentiale

Inwieweit wirkt (heil-)pädagogisches Handeln behindernd auf die Lebenssituation von Menschen? Dieser kritischen Fragestellung widmete sich Dr. Barbara Ortland. „Wie werden aus Menschen mit Behinderung Menschen ohne Behinderung? Wo liegen pädagogische Enthinderungspotentiale?“, lautete ihr Vortrag.

Dabei legte sie aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive zugrunde, dass die Bezeichnung einer körperlichen Schädigung als Behinderung durch Beobachter getroffen werde und nicht als Realität oder Faktum zu werten sei. „Behinderung ist der nicht gelungene Umgang mit Verschiedenheit“, greift Ortland die Definition von Walthes (2003) auf. Behinderung definiert die Wissenschaftlerin als „die Beeinträchtigungen der Aktivität und der gesellschaftlichen Teilhabe“.

Menschen mit körperlicher Schädigung werden in dieser Perspektive als Partner betrachtet. Sie werden nicht zu Problemträgern degradiert, die die Hilfe der Professionellen brauchen, um ein irreversibles Problem in seinen Auswirkungen zu mildern. „Enthinderung“ und Teilhabe funktioniert, wenn allen Beteiligten der Umgang mit der Verschiedenheit durch förderliche Anpassungsleistungen materieller, substantieller wie mentaler Art in den verschiedenen Situationen gelingt.

 „In dieser aufgezeigten Relationalität liegt eine große Chance auf Veränderung des situativen und wissenschaftlichen Wahrnehmens, Denkens und Handelns“, erklärt die Referentin.

Sie nannte grundlegende Faktoren behindernder Prozesse in der Begegnung von professionellen Pädagogen und Menschen mit körperlicher Schädigung. Entscheidend sei es, dass Pädagogen sich als „Mehrfachbehindernde oder als mehrfach behindernd Könnende erkennen und somit die Verantwortung für behindernde Prozesse mit übernehmen“, führte Barbara Ortland aus. Drei Säulen sind im Prozess der „Enthinderung“ für beide Seiten unabdingbar, um Behinderungserfahrungen zu minimieren: Die Übernahme von Verantwortung für behindernde Prozesse, Dialog- und Reflexionsfähigkeit. Für Menschen mit körperlicher Schädigung sind es wünschenswerte Voraussetzungen, für professionelle Pädagogen unabdingbarer Teile ihres beruflichen Selbstverständnisses.

Ihr Fazit: Aus Menschen mit Behinderungen werden Menschen ohne Behinderungen, „indem jeder seine individuelle Verantwortung für die Enthinderungsprozesse wahrnimmt.“ Dieses Verständnis von Behinderung erfordere neue Akzente in der hochschulischen Ausbildung und ein durch Forschung gestütztes Wissen als Handlungsmaxime.

 

Der sozialräumliche Blick

Den Bogen vom Fall zum Feld spannte Dr. Eva Christina Stuckstätte. Die Rednerin untersuchte den „Nutzen des sozialräumlichen Blicks im Handlungsfeld Jugendhilfe – Schule.“

Welche Möglichkeiten hat Schule in Kooperation mit der Jugendhilfe, auf die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen zu reagieren? In wie weit kann sozialräumliches Arbeiten Aneignungsmöglichkeiten optimieren? Welche Konsequenzen hat das für die Schule als Lebensort der Kinder und Jugendlichen?

Soziale Arbeit muss sich den Lebenswelten der Kinder öffnen, um sie zu verstehen und individuelle Förderbedarfe zu eruieren, führte die Referentin aus. Den methodischen Zugang bietet das sozialräumliche Arbeiten. Der pädagogischer Auftrag lautet: „An Lebenswelten anschlussfähige Aneignungsmöglichkeiten zu schaffen“, erklärte Eva Christina Stuckstätte. Methoden der qualitativen Sozialraumanalysen ermöglichen es in diesem Zusammenhang, Schule und Schulumfeld als Lebensort in seiner Bedeutung für Kinder zu erfassen. Sie bieten Ansatzpunkte zur Förderung von Aneignungsmöglichkeiten im Schulalltag. Dabei sollten die Kinder mit einbezogen werden: „Kinder sind Experten ihrer Lebenswelt“, so die Referentin.

„Der sozialräumliche Blick bietet einen Gewinn für Feld (Jugendhilfe, Schule) und Fall“, erklärte Stuckstätte. Mit seiner Hilfe kann das Schulklima und das Wohlbefinden der Schüler verbessert werden. Er gibt Ansatzpunkte zur Gestaltung von formalen, non-formalen und informellen Lernarrangements. Auf den Fall bezogen wächst das Wissen um und das Verständnis für die Lebenssituation des Kindes. Auf dieser Grundlage können anschlussfähige Fördermöglichkeiten entwickelt werden.

 

Wir unterhalten und über ähnliche Sachverhalte

„Mission possible“ hielten die drei Wissenschaftlerinnen als Fazit der interdisziplinären Zusammenarbeit fest: „Wir sprechen teilweise eine andere Sprache, aber wir unterhalten uns über ähnliche Sachverhalte.“ Sabine Ader, Barbara Ortland und Eva Christina Stuckstätte stehen für unterschiedliche Zugänge zu einem Fall, die sich ergänzen, bereichern und produktiv nutzbar sind. „Die gemeinsame Vorbereitung war ein Gewinn an interdisziplinärer Zusammenarbeit!“, erklärten die Professorinnen.

„Die Zeiten, sich abzugrenzen, sind vorbei. Wir können wir uns gegenseitig bereichern“, hatte auch Dekan Prof. Dr. Hugo Mennemann in seiner Begrüßung festgestellt.

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