Heute wohnen in Deutschland Menschen unterschiedlicher Herkunft und religiöser Heimat Tür an Tür. Die Gesellschaft ist multikulturell und interreligiös. Von einem selbstverständlichen Miteinander – vor allem mit Muslimen – kann aber noch keine Rede sein. Der internationale Kongress „Interreligiosität und Interkulturalität“ beschäftigte sich vor diesem Hintergrund konsequent mit den damit verbundenen Herausforderungen für soziale Arbeit und seelsorgliche Praxis. Zum Dialog mit Muslimen hatten katholische Träger aus Köln eingeladen. Im Namen der Veranstalter begrüßten Diözesan-Caritasdirektor Dr. Frank Johannes Hensel, der Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Erzbistum Köln Msgr. Robert Kleine sowie der Rektor der KatHO NRW Prof. Karl Heinz Schmitt die ca. 160 Teilnehmer, darunter auch Gäste aus Rumänien, Tschechien, Österreich, Polen, Belgien, Italien und den Niederlanden.
Professor Tomas Halik von der Karls-Universität Prag legte in seiner theologischen Grundlegung dar, die Wahrheit sei ein Buch, das noch keiner zu Ende gelesen habe. Alle Religionen schauen aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Wahrheit. Die Frage nach der Wahrheit dürfe im Dialog nicht ausgeklammert werden. Der Glaube bleibe ein unvollendeter Dialog mit Gott. In der Pluralität der Religionen zeige sich ein Abbild des trinitarischen Gottes. Halik betonte, der von ihm vertretene theologische Perspektivismus dürfe nicht als ein billiger Relativismus missverstanden werden.
Professor Jamal Malik von der Universität Erfurt reflektierte kritisch die Islam-Diskussion in Deutschland. In der vom ehemaligen Innenminister Schäuble eingerichteten Islamkonferenz gehe es in erster Linie um Integration und der Integrationsdiskurs müsse entkonfessionalisiert werden. Mitbürger muslimischen Glaubens würden in Deutschland islamisiert: "Als ich nach Deutschland kam, war ich der Pakistani; heute bin ich der Muslim." Malik wendete sich gegen eine "Verreligionisierung" des Politischen und warnte davor, den Islam in Deutschland zu einer strukturellen „Verkirchlichung“ zu zwingen. Da der Islam kein allgemein anerkanntes Lehramt kenne, stecke in der islamischen Pluralität auch eine Chance für die europäische Integration.
Der Dialog brauche den gegenseitigen Respekt und die Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein, betonte Prof. Josef Freise von der Katholischen Hochschule NRW. Es sei wichtig, diese Fremdheit nicht zu überspielen. Sie müsse ausgehalten werden, auch wenn das schmerzlich sein kann. Ziele des interkulturellen wie interreligiösen Dialogs sind nach Freise die Horizonterweiterung und die Bereicherung des eigenen Glaubens, der gegenseitige Respekt und die friedliche Konfliktbearbeitung. In den interreligiösen Dialog eintreten könne nur, so Prof. Armin Wildfeuer, ebenfalls von der KatHO NRW, wer seine eigene religiöse Identität wenigstens ansatzweise geklärt habe.
In praktischen Workshops wurden konkrete Fragen der Seelsorge und der Sozialen Arbeit im interreligiösen Kontext angesprochen – so beispielsweise von Edith Schlesinger (Erzdiözese Köln) zur interreligiösen Kompetenz im Elementarbereich und von Hanim Ezder (Muslimisches Familienbildungswerk Köln) zur Arbeit mit muslimischen Frauen in Köln.
Der Soziologe und Islamwissenschaftler Dr. Mouhanad Khorchide erläuterte die Situation der Muslime in Österreich, wo der Islam aufgrund der Geschichte des österreichischen Kaiserreiches als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt ist, was aus der Geschichte Österreich-Ungarns, herrührt: Die Muslime in Bosnien-Herzegowina waren von Österreich-Ungarn annektiert worden. Im Unterschied zur Konstruktion in Österreich, wo der Staat für den islamischen Religionsunterricht lediglich den organisatorischen Rahmen bereit stellt, sollte der Saat im islamische Religionsunterricht in Deutschland auch inhaltlich durch Lehreraus- und fortbildung stärker Verantwortung übernehmen.
Dr. Thomas Lemmen, Christlicher Vorsitzender des Koordinierungsrats des christlich-islamischen Dialogs, führte in die muslimische Verbandslandschaft in Deutschland ein. Wie Professor Malik wandte er sich gegen eine „Verkirchlichung“ des Islam, weil diese dem Islam wesensfremd sei. Der größte islamische Verband in Deutschland, die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V. DITIB, registriere allerdings inzwischen ihre Mitglieder und habe einen Beirat geschaffen, um den Anforderungen des Staates besser gerecht zu werden.
NRW-Integrationsminister Laschet hob hervor, wie wichtig es sei, in einem Land, in dem jeder vierte Mitbürger eine Zuwanderungsgeschichte habe, den Zusammenhang von Kultur, Religion und Integration zu verstehen. Mit Blick auf den Schweizer Volksentscheid zum Minarettbau, den er kritisch kommentierte, wünschte er sich von den Muslimen, dass sie sich weiter öffnen und ihre Religion noch stärker anderen erläutern.
Der Kongress endete mit vielen konkreten Überlegungen für Seelsorge, Bildung und Soziale Arbeit. Werner Höbsch vom Referat Dialog und Verkündigung des Erzbistums Köln, verwies auf die bereits bestehenden und weiterzuentwickelnden interreligiösen Fortbildungen, die vom Diözesan-Caritasverband, der Erzdiözese Köln und der Katholischen Hochschule NRW gemeinsam angeboten werden: "Wir brauchen eine Werkzeugkiste für den praktischen interreligiösen Dialog."
Redaktion und weitere Information: Prof. Dr. Josef Freise, Tel. 0221/7757-118, j.freise(at)katho-nrw.de