Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

Festvortrag von Professorin Sabine Dörpinghaus zum 25-jährigen Jubiläum der Hebammenschule Bensberg (15.09.2014, KatHO NRW)

(v.l.) Petra Kahlberg-Spix, Leiterin der Hebammenschule in Bensberg, Sr. Dominica Rose, Sr. Pacifica Sperlich, Prof. Sabine Dörpinghaus

Schutzraum für Freiheitseinschränkung von Dana van Rijssen, Bildhauerin aus Marienheide. Fotos: Beatrice Tomasetti

 

 

Von der kompetenten Hebamme zum Management der Geburtskultur

Die Hebammenschule am Vinzenz-Pallotti-Hospital in Bensberg feiert in diesen Tagen ihr 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fand am 6. September ein großer Festakt an der Hebammenschule statt. Professorin Sabine Dörpinghaus, Studiengangsleitung Hebammenkunde am Fachbereich Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln hielt den Festvortrag. In den Fokus stellte sie dabei die Phänomene des Hebammenwesens, hier ein Auszug aus ihrem Festvortrag:

„Aus meiner Sicht bewegen wir uns gesamtgesellschaftlich gesehen und auch disziplinbezogen in eine völlig fragwürdige Richtung. Ich erlebe, dass Hebammen im Moment eine Art Projektionsfläche für zahlreiche gesamtgesellschaftliche Fehlentwicklungen übernehmen müssen. Eine Marktfrau verkauft Salat und somit ein Produkt, eine Friseurin beschäftigt sich mit Haarmaterial. Sie verkauft eine Leistung. Eine Frau, die in den Kreißsaal kommt, kauft hingegen keine Geburt. Vielmehr ist die Gebärende auf die Selbsttätigkeit ihres Leibes angewiesen und die Hebamme begleitet sie dabei. Dieser begleitende Vorgang ist in unserer Gesellschaft ins Zwielicht geraten – dies liegt vor allem daran, dass man nicht sieht, was die Kundige macht. Das Problem dabei: durch den Siegeszug der technischen Rationalität geht das Erfahrungswissen verloren. Aber was soll das sein ein Erfahrungswissen?

Das Problem ist hierbei nicht die Messung und auch nicht, dass es additiv hinzukommt, sondern dass es das Gespürte mittlerweile übernimmt und vereinnahmt. Was aber vernachlässigt wird und damit fehlt sind die Phänomene. In den aushaltenden, spürenden Situationen einer Geburt hilft das Vermessen des Körpers nicht wirklich weiter. Hier geht es um Erleben, um das Erfahrbare. Ich möchte hervorheben, dass dieser Zugang bezogen auf den Menschen und dass was Hebammen leisten nämlich Beziehungsarbeit, reduktionistisch ist. Menschen sind mehr als nur Puls, Blutdruck, Temperatur Röntgen-Thorax oder der Abstrich, denn das, was mich als Person ausmacht, ist wie ich empfinde, wie ich über Dinge lache oder Trauer empfinde, das Phänomenale. Somit betreten wir auch nicht als Geburtsmechanikerin oder Geburtsmanagerin den Raum, sondern als leiblich spürendes Wesen.

Was ist mit den Unbestimmtheiten, die im geburtshilflichen Bereich jederzeit auftreten können? Unter Unbestimmtheiten fasse ich jene Situationen, in denen das lebendige Leben und damit auch der geburtshilfliche Prozess auch durch Unbegreiflichkeit und Unverfügbarkeit bestimmt werden. Wir sind im geburtshilflichen Bereich weder durch routiniertes Handeln noch durch fachliches Know-how vor ihrem Auftreten gefeit.

Anstatt das Wesen dieser Unbestimmtheiten in den Blick zu nehmen und sich mit ihnen auseinander zu setzen: sind heute Haftungsängste handlungsleitender als medizinische Indikationen oder gekonnte Nichtintervention. Aus meiner Sicht lässt sich Geburt nicht auf allgemeine Prinzipien oder Algorithmen reduzieren – denn diese lassen das eigentliche Wesen der Geburt in Form von Lebendigkeit nicht aufscheinen. Wenn wir das Wesen unserer Tätigkeit auch in diesen herausfordernden Zeiten nicht aus dem Blick verlieren wollen – müssen wir uns dem Phänomenalen zuwenden.

Ich wage einen Ausblick: Bei den derzeitigen Bestrebungen gibt es aus meiner Perspektive drei Möglichkeiten. Entweder passen sich Hebammen an und werden zu einer Art Geburtsmanagerin, oder sie sterben aus, oder sie entdecken eine kleine Insel, auf der gewisse menschliche Aspekte des Miteinanders den aktuellen Zustand überdauern.

Die Herausforderungen, die sich dem Berufsstand stellen sind enorm. Aber wenn wir den Blick schweifen lassen, dann gibt es Unterstützung etwa in der Kunst. Mich fasziniert an der Kunst, dass die Künstler unentwegt mit dem Vorsprachlichen, also etwas zu Erleben bevor es sich sprachlich darstellen lässt, zu tun haben. In diesem Zusammenhang habe ich jüngst eine Künstlerin kennen gelernt. Dana van Rijssen sollte innerhalb eines Projektes eine gesellschaftliche Krise figürlich darstellen. Sie entschied sich für die derzeitige Situation der Hebammen. Mit ihrem Werk will Dana van Rijssen zum Ausdruck bringen, dass das Hebammenwesen in der derzeitigen gesellschaftlichen Krisensituation eine Freiheitseinschränkung erfährt – und das Bild soll den nötig gewordenen Schutzraum darstellen. Ich wünsche uns allen sowie dem werdenden Leben viele gemeinsame Schutzräume.“

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014