Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Stressbelastungen bei Erzieherinnen

Berufsbezogene Stessbelastungen und Burnout-Risiko bei Erzieherinnen

Projektleitung: Prof. Dr. Johannes Jungbauer

Wiss. Mitarbeit: Sebastian Ehlen, M.A.

Hintergrund

Der Arbeitsalltag von Erzieherinnen in Kindergärten und Kitas ist durch zahlreiche anspruchsvolle Aufgaben gekennzeichnet, Sie tragen ein hohes Maß an Verantwortung und müssen zugleich vielfältige berufsspezifische Belastungen bewältigen. Nicht zuletzt aufgrund der kontinuierlichen Beziehungsarbeit ist der Erzieherinnenjob psychisch oft sehr fordernd und anstrengend. In einer Reihe von Studien hat sich gezeigt, dass Stress und gesundheitliche Belastungen sehr eng mit den organisatorischen, strukturellen und räumlichen Rahmenbedingungen von Kindertagesstätten zusammenhängen.

Zielsetzung

In der vorliegenden Befragung sollte differenziert untersucht werden, inwieweit Erzieherinnen und Erzieher von beruflichem Stress betroffen sind und ob die Annahme zutrifft, dass sie ein erhöhtes Risiko für stressbedingte Störungen tragen, wie z.B. psychische und psychosomatische Beschwerden, insbesondere Burnout.

Methodik

Im Rahmen einer Fragebogenstudie wurden n=834 Erzieherinnen und Erzieher mit dem an den Universität zu Köln entwickelten Burnout Screening Skalen (BOSS I) befragt. Zusätzlich wurden Merkmale des Arbeitsalltags sowie potentielle Belastungs- und Schutzfaktoren erfasst. Die Befragten hatten ferner die Möglichkeit zu freien Kommentaren und Anmerkungen (offene Frage). Der Fragebogen wurde zum einen als print-Version über kooperierende Institutionen verteilt; zum anderen hatten Erzieherinnen und Erzieher die Möglichkeit, den Fragebogen online im Internet auszufüllen. Die Datenerhebung wurde Ende Dezember 2012 abgeschlossen. Die quantitativen Fragebogendaten wurden mit Hilfe des statistischen Softwarepakets SPSS 20.0 ausgewertet, wobei parametrische und non-patrametrische Verfahren zum Einsatz kommen. Die offenen Antworten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse

Die von uns untersuchte Stichprobe weist in allen vier BOSS I-Skalen überdurchschnittliche Werte auf. Insbesondere die Werte der für die Verdachtsdiagnose Burnout entscheidenden Skala „Beruf“ liegen mit einem mittleren T-Wert von 56,8 deutlich über dem Normwert. Bei 40,1% der Befragten waren die T-Werte klinisch relevant (T >59), d.h. im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung weisen mehr als doppelt so viele Erzieherinnen und Erzieher ein deutlich erhöhtes Stressniveau auf, welches grundsätzlich entlastende und stressreduzierende Maßnahmen nahelegt. Bemerkenswert ist außerdem, dass fast ein Fünftel der befragten Personen (18,9%) unter starken bis sehr starken beruflichen Stressbelastungen leidet und dementsprechend als Hochrisiko-Gruppe für Burnout angesehen werden kann.

Ferner gaben 14,6 % der Befragten an, unter deutlichen bis starken psychosomatischen und psychischen Beschwerden zu leiden, z.B. Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, wiederkehrenden Infekten, verminderter Entspannungsfähigkeit bzw. erhöhter Anspannung, herabgesetzter Frustrationstoleranz und depressiven Symptomen. 7,4% waren sogar sehr stark von diesen Beschwerden betroffen. In der statistischen Analyse zeigte sich ein enger korrelativer Zusammenhang zwischen beruflichem Stresserleben und der Stärke gesundheitlicher Beschwerden. Es ist demnach davon auszugehen, dass über ein Drittel der Erzieherinnen von klinisch relevanten psychischen und psychosomatischen Beschwerden betroffen sind, welche vermutlich oft durch Stress im Job bedingt sind.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Arbeitsbedingungen und Betriebsklima sehr wichtige Determinanten der Mitarbeiterzufriedenheit und der Mitarbeitergesundheit sind. Zwar sind die Korrelationen zwischen Arbeitsbedingungen und der Krankheitshäufigkeit in der befragten Stichprobe nur relativ gering ausgeprägt. Doch zeigte sich ein deutlicher statistischer Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen und dem Belastungsgrad bzw. dem Burnout-Risiko von Erzieherinnen (BOSS I-Skala „Beruf“). Die mangelhafte Personalausstattung in vielen Einrichtungen konnte dabei sowohl in der statistischen Auswertung als auch in der qualitativen Datenanalyse als Stressquelle Nr. 1 identifiziert werden. Eine schlechte Personalausstattung geht in aller Regel mit zu großen Gruppen, einem unzureichenden Betreuungsschlüssel, Zeitdruck und „Multi-Tasking“ einher. Besonders gravierende Stressbelastungen entstehen, wenn unter ohnehin defizitären Personalbedingungen eine Mitarbeiterin erkrankt und dies von anderen Kolleginnen und Kollegen kompensiert werden muss. Weitere Stressoren im Kita-Alltag (z.B. Lärm, Belastungen durch Elternarbeit oder Dokumentationspflichten) bringen Erzieherinnen dann sehr schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Weiterhin zeigte sich, dass Unzufriedenheit mit der Leitung und dem Betriebsklima das Wohlbefinden von Erzieherinnen und Erziehern stark beeinträchtigen kann. Insbesondere dann, wenn unrealistisch hohe Anforderungen gestellt und gute Arbeitsleistungen nicht angemessen gewürdigt werden, können berufliche Gratifikationskrisen entstehen, die sich sehr ungünstig auf die Arbeitsmotivation und die psychische Stabilität von Erzieherinnen auswirken. Ferner ist es offenbar belastend und demotivierend, wenn die Zusammenarbeit im Team nicht gut funktioniert, häufig Konflikte auftreten und wenig Loyalität zwischen den Kolleginnen und Kollegen erlebt wird.

Diskussion

Die Ergebnisse der durchgeführten Studie legen Maßnahmen nahe, die auf unterschiedlichen Systemebenen ansetzen und auf individuelle, institutionelle bzw. organisationale sowie sozialpolitische und gesellschaftliche Veränderungen abzielen. Doch eine substanzielle Verbesserung von Arbeitsbedingungen und effektive Angebote der Gesundheitsprävention gibt es nicht zum „Nulltarif“. In Zeiten angespannter öffentlicher Haushalte erfordert es Mut seitens der politischen Entscheidungsträger, Geld für Verbesserungsmaßnahmen in die Hand zu nehmen, aber auch Gestaltungswillen und Augenmaß für richtige Prioritätensetzungen. Zu bedenken ist, dass sich finanzielle Investitionen in gute Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher langfristig auszahlen, nicht zuletzt durch eine verbesserte Betreuungsqualität für unsere Kinder.

Forschungsbericht

Den ausführlichen Abschlussbericht zu der durchgeführten Befragung können Sie hier downloaden.

Zum Nachören

Ein Interview zum Thema mit Prof. Jungbauer auf deutschlandradio kultur ist hier als mp3-Datei verfügbar; ferner ein Beitrag auf WDR 5 Leonardo zum Thema "Stress und Burnout-Risiko bei Erzieherinnen".

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014